der andere fellner

Sebastian Fellner

Wie echt ist das Geschlecht?

Gender Studies werden als Pseudowissenschaft verspottet, gleichzeitig leiden etliche unter den Vorgaben ihres Geschlechts. Wie viel Geschlecht konstruiert die Gesellschaft, wie viel davon ist echt? Von Buben, die mit Puppen spielen, Genderstudierenden, die überall Phalli sehen und dem Penis des Hyänenweibchens.

»So: der Himbeerradler für Sie und das Weißbier für den Herren.« Artig sagten wir danke. Als die Kellnerin weg war, tauschten meine Freundin und ich aber die Gläser, damit ich meinen picksüßen, rosa Radler genießen kann, während sie an der Weißen trinkt. Wir hatten bei einem anderen Kellner bestellt – die, die servierte ging ganz automatisch davon aus, dass ich das Bier trinke.

Nicht, weil sie eine Sexistin wäre. Selbst Gralhüter*innen der Gleichbehandlung sind oft kurz irritiert, wenn sie einen Mann mit Kinderwagen sehen oder eine Mutter gleich nach dem Mutterschutz zu arbeiten beginnt, während der Vater in Karenz geht. Warum?

Die Binnen-I-Hasser*innen

Der Senat der Uni Leipzig sorgte vergangene Woche für viel Spott und empörtes Kopfschütteln. Viele, viele Medien unterschiedlicher Qualität berichteten, dass an der Hochschule von nun an grundsätzlich die weibliche Form verwendet werden müsse. Professoren wären demnach mit »Herr Professorin« anzusprechen. Dass das Blödsinn ist, hat die Uni inzwischen klargestellt und wurde auch vom BILDblog aufgearbeitet.

Wer emotionale Diskussionen beginnen will, muss nur das Thema »Gender« aufs Tapet bringen. Das Binnen-I verachten Konservative genauso wie viele Journalistinnen und Typographie-Freaks. Harald Martenstein stellte im ZEITmagazin dieses Wochenende die Frage, warum Männer anders sind als Frauen. Und welche Antwort die Gender-Studies auf diese Frage finden.

Der feministische Elfenbeinturm

Teil meines Studiums war ein Gender-Studies-Wahlfach – zusammengezählt immerhin Lehrveranstaltungen für ein ganzes Semester. Vieles von dem, was Martenstein im ZEITmagazin schreibt, stimmt: In den Gender Studies gibt es genug Wirrköpfe, die in jedem Kugelschreiber einen Phallus sehen und der Naturwissenschaft einen heimlichen, alles bestimmenden Männlichkeits-Bias zuschreiben. Die jeglichen biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau leugnen.

Aber: Die Gender Studies sind eine junge Wissenschaft und haben mit anderen jungen Wissenschaften drei Dinge gemein:

1. Sie wird belächelt. Wie etwa auch die Politikwissenschaft, als sie in Österreich etabliert wurde, nicht ernstgenommen wurde. Vor allem vonseiten der Rechtswissenschaft, die die Staatswissenschaft bis dahin beherberte, wurde sie eher spöttisch als unnötiges Hippie-Fach abgetan. Ähnliches passiert heute der Internationalen Entwicklung. Und eben der Geschlechterforschung.

2. Sie provoziert und schießt übers Ziel hinaus. Überspitzte Aussagen und gewagte Thesen gehören dazu. Dass solche Dinge in bestimmten Strömungen vieler Wissenschaften vorkommen, ist kein Geheimnis und Teil des wissenschaftlichen Fortschritts.

3. Sie wurde aus einer politischen Motivation heraus gegründet. Dieser Aspekt ist bei den Gender Studies besonders stark ausgeprägt. Die Gründung der Geschlecherforschung als wissenschaftliche Disziplin geht einher mit diversen Frauenbewegungen und feministischen Strömungen.

Für zwei, drei Semester war auch ich Teil dieses kleinen feministischen Elfenbeinturms. Vorlesungen über das männliche Seepferdchen, das die Seepferdchenjungen austrägt und weibliche Tüpfelhyänen, die ihre dominerende Position im Rudel mittels Show-Penis zeigen. Gruppendiskussionen, die darauf hinauslaufen, wie groß eine Riesenklitoris sein muss, um als Minipenis zu gelten.

Puppen und Autos

Von außen wirkt das lächerlich. Von innen auch manchmal. Nur: Diskussionen, die so abstrakt sind, dass sie abstrus wirken, finden auch in der Politikwissenschaft und in der Philosophie statt. Das Ziel, alles zu hinterfragen, wird manchmal auf die Spitze getrieben. Das ist gut.

Ja, sicher, jeden einzelnen Unterschied zwischen den Geschlechtern mit Erziehung zu erklären, ist unrealistisch. Genauso undurchdacht ist aber Martensteins Analyse, dass es diese Unterschiede halt gebe, biologisch – und es deshalb die Männer sind, die am Anfang von Martensteins Artikel Bier trinken und Automotoren aufheulen lassen. Dass das Blödsinn ist, weiß ich aus eigener, teils leidvoller Erfahrung.

Der Autor des ZEITmagazin-Artikels zitiert etliche Studien, in denen etwa männliche Kleinkinder automatisch auf Autos zukrabbelten, weibliche auf Puppen. Ich wählte die Puppen.

Jetzt darf geschätzt werden, wie viele Eltern ihren Sohn bereitwillig mit Puppen samt Zubehör ausstatten. Ich denke, dass meine da eher die Ausnahme waren, als sie das ultracoole lila Minikinderwagerl besorgten, das ich auf etlichen Homevideos vor mir herschiebe. Wie würden sich Männer und Frauen heute verhalten, hätten sie als Kinder tatsächlich die freie Wahl gehabt? Und wie vielen Burschen hören heute noch »Hau‘ halt zurück«, wenn sie von Schlägen durch Mitschüler berichten – und wie viele Mädchen?

»Der schaut aus wie ein Mädl!«

Ein Jahrzehnt später. Ich war 13 und ich wollte rebellieren. Ich ließ mir die Haare wachsen und zog rosa Socken an. Wer mir heute erklären will, dass Menschen sich heute unabhängig vom Geschlecht benehmen und kleiden können, wie sie wollen, dem kann ich eine Reihe von Geschichten erzählen, die das Gegenteil beweisen.

(Etwa die Supermarktverkäuferin, die bei der Ausweiskontrolle ungläubig meinen Vornamen wiederholte und der herbeigerufenen Kollegin zurief: »Schau, der schaut aus wie ein Mädl!«)

Dass Männer schneller Marathon laufen als Frauen, darf mit der Biologie begründet werden, ohne einen ernstzunehmenden Sexismus-Vorwurf fürchten zu müssen. Wer im Zweifelsfall annimmt, dass bestehende Ungleichheiten gesellschaftlich bedingt und damit änderbar sind, ist aber eher auf der sicheren Seite. Ganz auszuschließen ist nie, dass hinter einem biertrinkenden Motoraufheulenlasser ein sensibler Menschenversteher steckt – der nie gelernt hat, seine echten Stärken auszuspielen, weil sie als weiblich gelten.

Der Golan-Abzug: Ein Begräbnis.

Gerald Klug wählte den Weg des geringsten Risikos. Zumindest auf kurze Sicht. Er zeigt, dass mutige Außenpolitik in Österreich keine Rolle spielt.

Eines muss man dem Verteidigungsminister lassen: Er hat sein Versprechen gehalten. Wenn’s brenzlig wird, gehen wir – es wurde brenzlig, wir gehen. Gleichzeitig bestätigte er auch das Bauchgefühl vieler Beobachter*innen österreichischer Außenpolitik, dass diese nur Innenpolitik sei, die halt im Ausland stattfindet.

Die Regierung opferte ihren Beitrag zu Sicherheit und Stabilität am Golan – und damit im gesamten Nahen Osten – dem Wahlkampf. Ja, sicher: Dieser UN-Einsatz verlor in den letzten Wochen den Charakter einer holiday mission. Ja, die Umstände haben sich geändert, ja es ist gefährlicher geworden.

Aber immerhin fahren Soldat*innen zu dieser Mission. Mit Waffen und sonstigem Kriegsgerät. Mit Gewehren beobachtet man nicht. Einen solchen Einsatz nur dann weiter zu führen, wenn auch sicher nichts passiert, zeugt nicht von einer mutigen Außen-, sondern von einer feigen Innenpolitik. Sonst hätte man die Truppen für heiklere Umstände gewappnet, um den Frieden in der Zone weiter zu sichern.

An Minister Klugs Stelle möchte man freilich nicht stehen. Hätte er die österreichischen Gruppen in der (verletzten) Pufferzone gelassen, hätte er die politische Verantwortung für Soldat*innen getragen, die dort unter Umständen zu Schaden gekommen wären.

Mit dem Abzug des Bundesheers gefährdet er aber die gesamte friedensichernde Mission – eine internationale Eskalation des Konflikts würde ihm allerdings innenpolitisch kaum auf den Kopf fallen. Dafür ist dem österreichischen Wahlvolk der Nahe Osten zu egal.

In einigen Jahren wird sich der Minister vielleicht unangenehme Fragen stellen lassen müssen. Ob ein Zähnezusammenbeißen ihn zwar den Posten gekostet, dafür viel Leid erspart hätte. Und ob es weitsichtig war, das letzte Überbleibsel Österreichs als internationaler Player in der Friedenssicherung zu begraben, weil eine Nationalratswahl anstand.

Schmutziger Wahlkampf am Juridicum: »Du bist irgendwann in diesem System drinnen«

Konsequente Vermischung von Aktionsgemeinschaft und Fakultätsvertretung. Merkwürdige Vorgänge im FV-Forum. Ein ehemaliger Spitzenkandidat, der der AG den Krieg erklärt. Es ist Wahlkampf. Je genauer man am Wiener Juridicum hinschaut, desto mehr Eigenartigkeiten tauchen auf.

AGJus-Plakate vor dem Juridicum

Lange Haare, leger angezogen: Marek Sitner war laut Selbsteinschätzung »immer das Antibild eines AGlers«. 2011 war er deren Spitzenkandidat für die Wahl zur Studienvertretung am Wiener Juridicum. Heute sitzt der Zwei-Meter-Mann im Gasthaus zum Rebhuhn im neunten Bezirk und vergleicht sich mit einem Hobbit, der von einer schwarzen Wolke aus Mordor verfolgt wird: Der Aktionsgemeinschaft Rechtwissenschaften, kurz AGJus.

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Ist Nikolaus Berlakovich ein Grüner?

Jetzt hat er’s übertrieben. Seit 2008 arbeitet der Umweltminister subtil gegen die ÖVP, Berlakovichs jüngste Aktion lässt nur einen Schluss zu.

Das Umweltmonopol, hört man oft, haben die Grünen verloren. Sie hätten so keine Möglichkeit, sich als Ökopartei zu profilieren. Das würde stimmen, wäre da nicht der Umweltminister.

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Warum ich der SPÖ am Sonntag eine Niederlage gönne

Seit fünf Monaten versucht die Salzburger SPÖ konsequent, die Bevölkerung zu täuschen. Durch ihrem Umgang mit dem Spekulationsdesaster hat sie sich eine Abreibung verdient. Die zwei größten Dreistigkeiten.

1.: Burgstallers Tränen – 12. Dezember 2012: Sechs Tage ist es her, dass enorme Spekulationsverluste des Landes Salzburg bekannt wurden. 340 Millionen, am Papier, noch nicht realisiert, heißt es. Eine Referatsleiterin der Finanzabteilung habe seit 2001 mit reichlich krimineller Energie spekuliert und die Verluste »in der Buchhaltung versteckt«.

Auftritt Gabi Burgstaller. Die Landeshauptfrau tritt vor den Landtag – und entweder die sonst toughe Spitzenpolitikerin hat einen strategisch günstigen Anfall von Emotionalität, oder sie setzt die »tränenerstickte Stimme« bewusst ein, um vom Inhalt ihrer Rede abzulenken. Denn was sie sagt, ist an Frechheit nicht zu überbieten:

»Lassen Sie mich damit beginnen, dass ich zuallererst mein ehrliches und tiefes Bedauern ausdrücken möchte und mich bei der Salzburger Bevölkerung entschuldigen möchte dafür, dass der Eindruck entstanden ist, dass wir, die Regierung, dieses Land in die größten Turbulenzen gebracht hätten.« 

Dass der Eindruck entstanden ist, die Regierung sei schuld! Eine knappe Woche nachdem herausgekommen ist, dass – je nach Lesart
a) die Finanzabteilung des Landes Salzburg etliche Millionen verspekuliert hat und alles auf eine einzelne Mitarbeiterin geschoben hat.
b) sämtliche Kontrollen, das gesamte System so sehr versagt hat, dass eine einzelne Mitarbeiterin über mehr als ein Jahrzehnt hunderte Millionen heimlich investieren kann.

So oder so ist die Regierung Schuld – dass Burgstaller das leugnet und auch noch so plump kaschiert, ist allein ein Grund, sie abzuwählen. Von diesem Tag an war zu ahnen, dass die SPÖ alles daran setzen würde, die Bevölkerung über die tatsächlichen Hintergründe dieses Skandals hinters Licht zu führen.

2. Brenners blaues Auge – 16. Jänner 2013: David Brenner, Salzburger Finanzlandesrat mit Rücktrittsversprechen, ist in die ZiB2 geschalten. Und erklärt dort allen Ernstes: Pfuh, das war jetzt voll schlimm mit den Spekulationen – aber wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.

In einer Schlägerei möchte man also nicht an Brenner Seite stehen. Da würde er wohl nach einigen Minuten sagen »Na, da sind wir nochmal davongekommen!«, sich die Hände abputzen und gehen. Während der Rest der Partie noch in der Gasse steht und nicht weiß, wie viele Kontrahenten noch kommen und wie fest sie zuschlagen würden.

74 Millionen Überschuss hätte man sogar erspekuliert, nicht 340 Millionen Verlust. Mit Stichtag 31. Dezember 2012. Die Geschäfte laufen freilich teils noch Jahre. In welchem Universum kann Brenner dann von einem blauen Auge sprechen, ohne dass es ihm darum ginge, die Bevölkerung zu täuschen?

Menschen sind frustriert von der Politik. Zu Recht: Wie sehr es an Fehlerkultur mangelt, zeigt die SPÖ Salzburg. Statt um Verzeihung zu bitten und versprechen, sich zu bessern, versucht sie bei jeder Gelegenheit, die Tatsachen zu ihrem vermeintlichen Vorteil zu drehen. Wenn die ÖVP am ganzen Debakel auch sicher nicht unbeteiligt ist und genauso täuscht, sind es doch jene, die sich Sozialdemokrat*innen nennen, die hier federführend sind.

Die Salzburger Bevölkerung kann nun zeigen, wie Demokratie funktioniert: Ihr verarscht uns, wir wählen euch ab.

»Wenn die Parameter stimmen«

Keine Vorurteile gegen Frauen an der Parteispitze: In Hans Rauschers Welt möchte man leben. Nicht-gewählten Frauen fehlen halt die Qualifikationen.

Foto Einserkastl Printausgabe "Der Standard"

»An sich okay« seien mehr Frauen an der Spitze. Das schreibt Hans Rauscher im Einserkastl des heutigen Standard. Die Kolumne ist eine Reaktion auf die Geschlechtsumwandlung per Photoshop der Grünen anlässlich des Weltfrauentags (Rauscher schreibt den unter Anführungszeichen – warum auch immer).

Für den Hugo, argumentiert Rauscher:

Mit dieser Kampagne wollen die Grünen „die anderen Parteien ermuntern nachzudenken, ob es nicht gut wäre, mehr Frauen an der Spitze zu haben“. So wie die Grünen halt. Die anderen Parteien werden natürlich überhaupt nichts dergleichen tun, weil gegen Frauen an der Spitze einer Partei in ganz Europa kein wirkliches Vorurteil mehr besteht und es auch dazu kommt, wenn die Parameter stimmen.

Also: Gleichbehandlungsmäßig passt alles – in ganz Europa – weil formal die Möglichkeit besteht, eine Frau als Parteivorsitzende zu wählen. Und: Es gibt keine Vorurteile gegen Frauen in Spitzenpositionen. Keine wirklichen halt.

Gewagte These. Wir wissen zB, dass fünf der sechs Fraktionen im Nationalrat männliche Klubchefs vorsitzen. Hans Rauscher wäre ein schlechter Kolumnist (und das ist er nicht), wenn er dafür keine Erklärung mitliefern würde: Die Parameter stimmen nicht.

Seit etlichen Jahrzehnten können Frauen formal Parteivorsitzende, Klubchefinnen, Spitzenkandidatinnen werden. Tun sie aber kaum. Zu den Parametern, die Rauscher meint, zählen offenbar vor allem Anzug, tiefe Stimme und ein Penis.

„Die Presse“: Fake-Falafel statt Fact-Check

(auch bei Kobuk! veröffentlicht)

Was für eine Geschichte! dailycurrant.com berichtet über eine Äußerung Michelle Bachmanns, wonach Falafel aus US-Schulen verbannt werden sollten. „Die Presse“ reagierte prompt und amüsiert sich in der Print-Ausgabe vom Montag Screenshot "diePresse.com": Falafel macht Terroristenüber die Tea-Party-Politikerin.

Doch wer sich die Mühe macht und weitere Artikel zur Sache sucht, findet keine ernstzunehmenden Nachrichtenseiten, die das Thema aufgreifen. Aus dem sehr einfachen Grund, dass die Geschichte ein Fake und dailycurrant ein Satire-Website ist. Den Fact-Check sparte sich „Die Presse“ offenbar.

Einer der anderen Aufmacher der Seite lautet übrigens „Steve Jobs Almost Done Reinventing Heaven“. Kommt das bei der „Presse“ dann unter „Technik“ oder „Religion“?

Update: Stellungnahme des Autors der Kolumne, Wolfgang Greber:

Sehr geehrter Herr Fellner,

in flagranti erwischt, in der Tat. Ist mir auch noch nie passiert und durchaus Scheiss-peinlich.

Sie müssen allerdings wissen, dass für eine ironische Kolumne nicht ganz derselbe strenge Check-Recheck-Maßstab gilt wie für einen ernsten Kommentar oder sonst eine Story, was aber auch nur irgendwie eine Ausflucht meinerseits ist, ja. Die andere Ausflucht ist, dass solche Scherzkolumnen in der Regel zwischen drei bis fünf anderen Tagesverpflichtungen entstehen und man gar nicht die Zeit für eine lege-artis-Recherche hat – zumal mich in diesem Fall ein Kollege auf die Geschichte aufmerksam gemacht hat, der sie ebenfalls für bare Münze nahm.

Also Asche auf mein Haupt. Aber wer noch nie in den Gatsch getreten ist, der werfe den ersten Schlammbatzen. Und ich tät mich freuen, wenn Sie mal über die 300 oder so anderen Pizzicatos von uns bloggten, die sonst übers Jahr fehlerlos (hoffentlich!) erscheinen 😉

Beste Grüße,

Wolfgang Greber

Wie Medien Breiviks Spiel mitspielen

Selten haben Medien so offensichtlich versagt wie bei der Berichterstattung über den rechtsextremen Attentäter von Norwegen. Breivik spielt ein perfides Spiel – das Zeitungen und Rundfunksender gerne mitspielen.

Berichterstattung ist oft genug eine Gratwanderung. Auf der einen Seite steht das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit an Information, das gestillt werden will. Demgegenüber stehen die Konsequenzen, die Medienberichte haben.

Anders Breivik geht es, wie allen Terrorist*innen, um Aufmerksamkeit. Er ist eine Attention-Whore. Bei einer so unvorstellbaren Tat wie den Anschlägen in Norwegen im vergangenen Sommer bekommt er diese Aufmerksamkeit zwangsläufig. Wenn 77 Menschen getötet werden, kann darüber nicht geschwiegen werden, egal, aus welchem Grund.

Die Frage ist: Welche Aufmerksamkeit gibt man dem Attentäter darüber hinaus? Breivik ist ein Wahnsinniger. Vor Gericht inszeniert er sich als Märtyrer, hält demonstrativ seine Handschellen in Richtung der Kameras, streckt die geballte Faust in die Höhe. Diese Fotos gingen um die Welt, auf Titelseiten, Vorspanne von Nachrichtensendungen und Startseiten von Internetzeitungen.

Traum-PR für den Terroristen

Eine bessere Publicity hätte sich Breivik nicht wünschen können. Sein Konzept geht voll auf: Begehe ein furchtbares Verbrechen und nutze die darauf folgende Aufmerksamkeit, um deine Message zu überbringen.

Dabei begehen die berichtenden Medien einen plumpen aber gewichtigen Fehler. Betrachtet man die (sicherlich nicht repräsentative, aber trendaufzeigende) Resonanz in Online-Foren oder auf Twitter, zeigt sich: Keinen interessiert’s. Im Unterschied zu den betroffenen Medien durchschauen ihre Leser*innen Breiviks PR-Spiel.

Degradierung der Opfer

Mein Wunsch, den, wie ich denke, viele teilen: Bitte verschont mich mit Breivik. Ich will keine Fotos mehr sehen von diesem selbstverliebten Wahnsinnigen, wie er zufrieden lächelt ob der Aufmerksamkeit, die er bekommt. Ich will nicht lesen, dass er »gerührt« ist, weil sein Video vor Gericht gezeigt wird.

Gebt mir Bescheid, wenn es ein Urteil gibt. Bringt meinetwegen eine Meldung, wenn ein Zeuge oder eine Zeugin etwas bisher Unbekanntes aussagt. Aber füttert Breivik nicht mit der Aufmerksamkeit, die er sich wünscht. Das ist nicht nur für viele von uns Leser*innen unerträglich. Vielmehr noch vollendet es die Degradierung der Opfer zu Mitteln zum Zweck – dem Zweck, den der Attentäter verfolgt.

Spektakulär! Verantwortungslose Selbstmord-Berichterstattung in Österreich

Wenn sich ein Mensch das Leben nimmt, tragen Medien große Verantwortung. Zu oft zeigen sie sich dieser Verantwortung nicht gewachsen. Vergangene Woche haben einige Online-Zeitungen bewiesen, dass man lieber Klicks als Leben rettet.

Update September 2015: Die Grundaussage des Texts halte ich weiterhin aufrecht, weshalb ich ihn noch online lasse. Mittlerweile habe ich aber eine Masterarbeit zum Thema geschrieben und möchte ergänzen, dass die Rechnung „Bericht über Suizid führt zu weiteren Suiziden“ zu stark vereinfacht ist. Die meisten Berichte über Suizide haben keine messbaren Auswirkungen auf die Statistik – doch reißerische und wiederholte Berichte treiben die Zahlen in die Höhe.
Nicht zu berichten ist also insgesamt eher eine hatscherte Lösung und schon gar nicht „in den meisten Fällen“ die richtige, wie ich unten schreibe. Meine Kritik am Sensationalismus in solchen Fragen bleibt natürlich aufrecht.

Bevor man als Journalist*in einen Artikel schreibt, stellt man sich üblicherweise einige Fragen. Eine davon ist »Ist das eine G’schicht?«. Soll heißen: Interessiert das jemanden? Gibt es genug zu sagen? Ist die Sache spannend/aufregend/sensationell? Leider ist die Entscheidung, einen Artikel zu schreiben oft schon gefallen, sobald diese Frage mit Ja beantwortet ist.

Lotte an Werthers Grab

Lotte an Werthers Grabmal

Was aber folgen sollte, ist: »Welche Auswirkungen hätte diese Geschichte, würde ich sie schreiben?«. Es sind wohl nur Ausnahmefälle, in denen eine Geschichte lieber nicht geschrieben werden sollte. Einer davon heißt Werther-Effekt.

Zurückhaltung

Berichterstattung über Suizide führt zu Nachahmungstaten. Fakt. Das wurde schon vor Jahrzehnten bekannt und hat bei Medien für eine Änderung der Berichterstattung geführt. Ab 1987 berichteten österreichische Medien gar nicht oder nur mehr sehr zurückhaltend über Selbsttötungen durch U-Bahnen. Die Zahl der vollendeten und versuchten Suizide in U-Bahn-Stationen ging drastisch zurück.

Richtige (das heißt in den meisten Fällen: gar keine) Berichterstattung über Suizide kann also Leben retten. Deshalb wird über die meisten Selbstötungen nicht berichtet. Wenn am Fall öffentliches Interesse besteht (etwa weil die betroffene Person prominent war), ist für Journalist*innen äußerste Zurückhaltung geboten.

Suizid nicht romantisieren

Der Leitfaden zur Berichterstattung über Suizid des Wiener Kriseninterventionszentrums führt einige Faktoren an, die Nachahmungstaten wahrscheinlicher machen. Dazu gehören:

  • Erhöhung der Aufmerksamkeit (zB Artikel auf der Titelseite, spektakulärer Schreibstil, …)
  • Dass Nennen von Details zur Person oder zu Methode und Ort des Suizids
  • Vereinfachung der Motive
  • Heroisierung oder Romantisierung der Tat

Klicks vor Leben

Als Ludwig Hirsch im November verstarb, berichteten alle Medien darüber. Viele erwähnten kurz, dass er sich selbst getötet hatte, manche verschwiegen die Todesursache ganz. Ganz andere – namentlich krone.at und oe24.at – schlachteten den Suizid aus. (Ich habe damals auf kobuk.at darüber geschrieben)

Auch vergangene Woche schafften es etliche Medien nicht, ihre Verantwortung wahrzunehmen: Die Geschichte vom Suizid eines Menschen war zu »spektakulär« (dieses Wort wurde in einem Artikel tatsächlich verwendet, um die Art der Selbsttötung zu beschreiben).

Wie spektakulär!

Oe24.at wartete sogar mit einer Bildstrecke mit dem Titel »CSI Wien« auf, bei der (mutmaßlich) die Spurensicherung bei der Arbeit fotografiert wurde. News.at zeigte sich kaum zurückhaltender und berichtete vom »spekakulären« »Selbstmord«, inklusive vieler Details.

Auch der sonst seriöse Online-Standard berichtete im Artikel unter der Dachzeile »SELBSTMORD«. Auch hier wurden Geschlecht und ungefähres Alter angegeben. Stundenlang waren beim Artikel Werbungen geschaltet – unter anderem für Unfallversicherungen. Das Forum zum Artikel ist bis heute samt teils pietätloser Kommentare online.

Suizidprävention vs. Klickzahlen

Zugegeben: In Anbetracht der Summe von Suiziden in Österreich wird sehr wenig darüber berichtet. In über 99% der Fälle ist den meisten Medien also ein Lob auszusprechen – sie nehmen ihre Verantwortung wahr.

Dennoch gibt es Ausreißer – besonders wenn eine Geschichte besonders aufregend, spektakulär oder ungewöhnlich ist. In vielen Fällen schaffen es bestimmte Journalist*innen nicht, Suizidprävention vor Klickzahlen gehen zu lassen. Und das kostet Leben.

Weiterlesen
Kobuk!: »Die Leiden des jungen Werthers 2.0«
Bildblog: Etliche Beiträge zum Thema
Stefan Niggemeier: »Über Enke und Werther«

Ich bin Individualist, einer von tausenden

Nein, das ist nicht so ein erster Blogeintrag:

Mein Blog schaut vielleicht aus wie alle anderen, aber das eine Alleinstellungsmerkmal ist!

Ich studiere, wie tausende andere. Ich versuche, im Journalismus Fuß zu fassen – wie tausende andere. Alles, was mich von anderen abhebt, ist meine Person. Und das ist ein Alleinstellungsmerkmal, das jede Person hat (Oxymoron-Alarm!).

Konzept: Nein.

Nein, ich habe nicht nächtelang über einem Konzept für einen Blog gebrütet, der die Welt ob seiner Einzigartigkeit zum Staunen bringen wird. Erfahrungsgemäßg verpufft jede Idee, über der ich nächtelang gebrütet habe, sobald es zur Umsetzung kommt. Ihr solltet die tollen Chronologie-Diagramme sehen, die ich mit bunten Eddings für das Buch entworfen habe, das ich dann nach fünfzig Wörtern aufgegeben habe!

Brian: You’re all different!
Crowd:Yes, we’re all different!
Guy:I’m not.
Aus: Monthy Python’s Life of Brian

Alles, was ich erfolgreich produziert habe, ist mir irgendwie passiert. Deshalb lasse ich das hier auch einfach passieren. Vielleicht wird aus dem einst grob angedachten Politik-Medien-Blog ja mal eine Sammlung von Nacktmullbildern. Oder von Zitaten christdemokratischer Kommunalpolitiker*innen in den Niederlanden. Ich schreibe meinem Blog da nichts vor, er soll sich frei entwickeln können.

Grant-Posts, Zorn-Posts, Feelgood-Posts

Vorwarnung zum Stil: Ich schreibe alle Nicht-Ordnungszahlen unter 100 aus, entgendert wird mit Sternchen. Keine Absätze länger als fünf Zeilen. Manchmal verzichte ich auf Satzglieder. Prädikate überbewertet.

Meist motiviert mich ein Grant oder ein Zorn zum Schreiben. Ich hoffe aber, dass ich auch ein paar Feelgood-Posts schaffe (»Der Frühling ist ja eigentlich total schön«, »So eine Gratisperiodischesdruckwerk lässt einen erst echte Zeitung zu schätzen lernen«). Für den Anfang stellt euch aber auf ein paar Grant-Posts ein.

Powi-Bachelor und Lokaljournalismus

Apropos Person: Das bin ich. Sebastian Fellner, nein, nicht verwandt. Ich studiere Politikwissenschaft und versuche, Journalist zu sein. Das heißt: Ich hantle mich von Praktikum zu Praktikum. 2009 im Chronik-Ressort des »Kurier«, 2010 Zivildienst. 2011 sechs Monate in der Kommunikationsabteilung der Caritas Österreich.

Das Wintersemester 2011 verbrachte ich zum Teil bei Helge Fahrenbergers großartigem »Kobuk«. Im Februar 2012 gewährte mir derStandard.at/Inland Praktikums-Asyl, im Juli darauf war ich beim »Report« am Küniglberg.

Seit Oktober 2012 widme ich mich als freier Redakteur der Wiener Bezirkszeitung dem Lokaljournalismus; seit Februar darf ich meinem Namen ganz offiziell ein »BA« hintanstellen. Nicht, dass das irgendjemanden interessieren würde.