der andere fellner

Sebastian Fellner

Kategorie: Medien

Wir brauchen Journalismusjournalismus.

Achtung, das wird meta: Reden wir über Medienjournalismus. Wer bringt die Geschichten hinter den Geschichten? Warum der Branche ein schonungsloser Blick auf den Journalismus gut täte.

Politik ohne Politikjournalismus? Unvorstellbar. Gehen wir davon aus, dass Journalismus die Folge der Notwendigkeit ist, über Dinge zu berichten und sie zu reflektieren. Wir müssen über Politik reden, weil sie uns betrifft, weil Gutes hervorgehoben und Missstände aufgezeigt werden müssen. Öffentlich, journalistisch.

Und wer redet in Österreich über Journalismus? Öffentlich, journalistisch?

Dass es da genug zu besprechen gibt, steht wohl außer Streit. Eine Print-Landschaft, beherrscht vom (Gratis-)Boulevard, der jeglichen Skrupel verloren, so er ihn je gehabt hat. Ein öffentlich-rechtliches Fernsehunternehmen, dessen Redaktionen die politischen Einflussnahmen abwehren muss, die die Fehlkonstruktion seiner Gremien mit sich bringt. Und Qualitäts-Onlinezeitungen, die sich noch nicht so recht zwischen Clickbaiting und tollen, aufwendigen Features entscheiden können.

Kurz: In diesem Land wird Journalismus gemacht, über den es sich zu berichten lohnen würde. Das passiert zum Teil in verschiedenen Medienressorts – nur welchen Stellenwert hat Journalismusjournalismus gegenüber Meldungen über Auflagenzahlen, Geschäftsmodelle und Werbeetats? Wer spricht in Österreich über die Geschichten hinter den Geschichten? Wer kontrolliert die Kontrolleure?, wie es Barbara Kaufmann in einem älteren Blogpost schreibt.

Guter Journalismusjournalismus macht sich unbeliebt.

Und ja, natürlich, Auflagenzahlen sind nicht ohne Bedeutung und neue Geschäftsmodelle für guten Journalismus eine spannende Sache. Ja, natürlich müssen wir über die Rahmenbedingungen und die ökonomische Seite des Journalismus sprechen. Aber welchen Nutzen ziehen wir daraus, wenn wir nicht berichten, was innerhalb der Rahmenbedingungen passiert?

Wo ist Platz dafür, zu zeigen, wie sich das profil in den letzten 23 Jahren journalistisch entwickelt hat? Wo können Journalist*innen die Geschichten hinter tollem Lokaljournalismus erzählen? Wer kann wo Interessenskonflikte von Journalist*innen rekonstruieren, die Kuschelstorys schreiben? Und wer schaut dem investigativen Journalismus auf die Finger, der sich stets in heiklem Terrain bewegt, wenn es um Nähe und Distanz zu Informant*innen geht?

Es gibt angenehmere Richtungen im Journalismus – wer klopft schon gern den Kolleg*innen auf die Finger oder lobt sie, nur um dann entweder als Besserwisser*in oder Schleimer*in da zu stehen? Gute Journalismusjournalist*innen machen sich unbeliebt.

Ein ehrlicher Bick kann das Vertrauen in den Journalismus zurückgewinnen.

Wer macht nun in Österreich Journalismusjournalismus? Deutschland hat Zapp, Österreich kann davon wohl leider nur träumen. Traut sich eines der etablierten Printmedien? Steigt das Falter-Medienressort zu mehr als einem Dreiseiter auf? Oder entdeckt ein ganz neues Online-Ding diese Nische, die ich für potenziell ziemlich lukrativ halte?

Denn – das ist jetzt meine eher gewagte These – Journalismusjournalismus ist nicht nur für die spannend, die selbst Journalismus machen. Sondern auch für die, die von einem ganz anderen Job nach Hause kommen und Zeitung lesen, Radio hören oder fernsehen. Und der Branche täte das gut. Denn ein ehrlicher, schonungsloser Blick auf Berichterstattung kann das Vertrauen in den Journalismus zurückgewinnen.

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37 erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen BuzzFeed und „buzz.at“

Das Szenario: Eine crazy erfolgreiche Website aus den USA expandiert und bietet seit drei Monaten eine deutsche Version an. Papa hat dir das Online-Geschäft seiner Satire-Zeitung samt Wetterportal und Reisebüro überlassen.

    • Versuchst du den Grund für den Erfolg der Original-Seite in den USA zu erforschen und nutzt die Erkenntnis als Grundlage eines Konzepts für den österreichischen Markt?
    • Machst du einfach irgendwas mit Listen?
    • Oder kopierst du BuzzFeed 1:1 und lässt es die Welt auch noch offensiv wissen, indem du den unoriginellstmöglichen Namen wählst?
Header von buzz.at

Das Fellner’sche „buzz.at“ (Screenshot)

 

buzzfeed.de-Header

Die andere Listenseite mit „Buzz“ im Namen. (Screenshot)

Wolfgang Fellners haarsträubendste Frühstückssager

Der große WoFe wurde 60 und neben der von allen Fellner-Medien fotostark gecoverten Party mit prominent bestückter Inseratenerpressee-Gästeliste wurde ihm auch ein »Frühstück bei mir«-Interview auf Ö3 geschenkt (kann man hier nachhören).
Für Leute, die sich nicht durch 35 Minuten von Claudia Stöckls Reportageversuchen (»Ich schenke mir hier noch Kaffee ein«) kämpfen wollen oder Ex-Fellner-Mitarbeiter*innen, die akustisch ausgelöste Flashbacks befürchten: Hier die absurdesten Zitate zur Nachlese:
Den Rest des Beitrags lesen »

Fleischhacker und das Mediengesetz: Warum ich mich nicht bei NZZ.at bewerbe

Bekenntnis zur Qualität, alternatives Geschäftsmodell, im Median junges Team. NZZ.at vergibt Journalist*innenjobs. Klingt erstmal toll. Bewerben werde ich mich nicht – weil ich mich verbiegen müsste. Und mich auch das Mediengesetz nicht davor schützt.

Den Rest des Beitrags lesen »

Vielleicht müssen wir netter zu Politiker*innen sein.

Marina Weisband hat einen Gedanken in meinen Kopf gepflanzt. So, wie wir unsere Politiker*innen behandeln, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass sie alle gefühlskalte Machtmenschen sind. Ein bisschen überspitzt formuliert.

Weisband, die ehemalige politische Geschäftsführerin der deutschen Piratenpartei, erklärte mir das in einem Interview, das ich mit ihr für den Bestseller führte (PDF, 200KB). Kurz gesagt: Die Öffentlichkeit drischt auf Politiker*innen ständig ein, beshitstormt jeden Lapsus. Politiker*innen geben deshalb keine Fehler zu und tragen nach außen hin eine Maske, wie es Weisband formuliert:

Wir müssen auf beiden Seiten weicher und ehrlicher zueinander werden. Das schließt ein, (…) dass Politiker auch zugeben, wenn sie mal einen Fehler machen.
Dazu gehört auch, dass die Bürger diese Fehler auch verzeihen können. Ich merke eine sehr große Diskrepanz zwischen dem, wie Politiker auftreten müssen, und dem, wie Menschen in ihrem Alltag normalerweise sind.

Seit ich mit Weisband gesprochen habe, sehe ich Medienhäme und Twitterspott mit anderen Augen: Sind wir alle schuld daran, dass das Politpersonal so ist, wie es ist – empathieunfähig, zynisch, kalt? Befördern wir diese Menschen in die höchsten politischen Positionen, unbewusst, weil wir alle anderen kaputtmachen?

Für Michael Spindelegger ist es so wohl einfacher

Diese Idee einmal im Kopf, betrachtet man viele Diskussionen mit anderen Augen – vor allem auf Twitter. Das ZiB2-Interview mit Eugen Freund etwa.

Ingrid Brodnig beschreibt in ihrem Plädoyer »Beruhigt euch!« im aktuellen Falter, wie sich Twitteranti zusammenrotten und Einzelne für Fehltritte lynchen. Dabei ist Twitter aber nur ein Kanal für das Rudelmobbing. Ähnliches beobachten wir auf Zeitungsforen, im Wirtshaus, oder bei Medienkampagnen, die sich verselbstständigen.

Manche Politiker*innen erleben das am laufenden Band. Kein Wunder, wenn sie dann weniger wie ein Mensch denn wie eine Kunstfigur wirken. Für Michael Spindelegger ist es sicher einfacher, sein Politiker-Ich wird verspottet, als er wird als Mensch beurteilt.

Eine Utopie, sicher

Wir sind also netter zu unseren Politiker*innen, verzeihen ihnen ihre Fehler und reiten nicht ewig auf missglückten Sagern herum. Das brächte uns, meint Weisband, eine ehrlichere, transparentere und durchlässigere Politik: Plötzlich traut sich auch die schüchterne Denkerin in ein politisches Amt, weil sie keine Angst haben muss, fertig gemacht zu werden.

Das ist derzeit reine Utopie, das weiß auch Weisband sehr gut – sie hat es ja ausprobiert. Von Parteikolleg*innen wurde sie zwar »zwischendurch mal geknuddelt«, musste aber auch ordentlich einstecken.

»Menschliche Natur«

Aber selbst wenn die Entwicklung, die sich Weisband wünscht, irgendwann stattfindet: Werden sich Politiker*innen tatsächlich nach außen hin als die Menschen geben die sie sind? Im Interview fragte ich Marina Weisband, ob es nicht menschliche Natur sei, auf »die da oben« hinzuhauen. Was mir damals nicht einfiel: Ist es nicht auch natürlich, sich zu verstellen, wenn man dem Urteil vieler, vieler Menschen ausgesetzt ist?

Ich bin selbst noch zu keiner endgültigen Antwort auf diese Fragen gekommen. Aber eine Debatte darüber, wie wir mit unserem politischen Personal umgehen, kann nicht schaden.


Tipp: Am kommenden Donnerstag diskutiert Robert Wiesner mit dem  Nachrichtenchef des Dänischen Rundfunks über »Constructive Journalism« (veranstaltet vom fjum). Da passt das Thema wohl gut rein, und zum Essen gibt’s auch was.

Korrigieren ist gut, vermeiden ist besser: Fact-Checking und Fehlermanagement, ein fjum-Vortrag

»Menschen werden Journalist*innen, weil sie gerne Geschichten erzählen – und Mathe hassen«. Scott Maier, Journalismus-Professor in Oregon, spricht in der Kurier-Redaktion über Fehler in Zeitungen, ihre Konsequenzen und wie man sie wieder gut machen kann.

Scott Maier in der Kurier-Redaktion

»Die beste Möglichkeit, einen Fehler zu korrigieren ist, ihn gar nicht erst zu machen.«

Scott Maier doziert an der University of Oregon über Journalismus. Auf Einladung des Forum Journalismus und Medien fjum kam er nach Wien um über sein Spezialgebiet Fact-Checking zu referieren. Das tat er auch in der Redaktion des Kurier in der Lindengasse, wo ich seinem Vortrag lauschen durfte. »Ich habe selbst mehr als genug Fehler gemacht«, erzählt Maier, der 20 Jahre lang als Journalist gearbeitet hat. Seine statistisch belegte Kernthese: Zeitungen machen immer mehr Fehler. Warum? Weil es immer mehr Informationen und eine kaum überschaubare Anzahl an Quellen gibt. Und weil Redaktionen zunehmend weniger Geld, weniger Personal zur Verfügung haben.

Journalist*innen hassen Mathe

Tausende Zeitungsartikel untersuchte Maier für seine Studie »Accuracy Matters«. Dafür wurde jede Person, die in einem Artikel als Quelle genannt war, angerufen. In fast der Hälfte der untersuchten Artikel fanden die Quellen faktische Fehler – also falsche Zitate, einen in die Irre leitenden Titel oder falsche Zahlen. »Menschen werden Journalist*innen, weil sie gerne Geschichten erzählen – und Mathe hassen«, sagt Maier. Zustimmendes Gemurmel im Raum.

Auch die Gründe für Fehler hat Maier untersucht. Der häufigste ist Mangel an Verständnis durch die JournalistInnen: »Wir haben alle schon komplizierte Geschichten geschrieben, die uns nicht wirklich interessiert haben, für die wir nur so viel Information wie nötig gesammelt haben.« Besonders in solche Artikeln schleichen sich Fehler ein, weil ein grundlegendes Verständnis der Materie fehlt.

Aber wie wichtig ist es tatsächlich, ob eine Prozentzahl nun stimmt oder ein Straßenname richtig geschrieben wurde? Dass Scott Mair darauf mit »Sehr!« antwortet, mag jetzt nicht wirklich überraschend sein. Aber Tatsache ist: Mit jedem Fehler sinkt die Glaubwürdigkeit des Mediums. Und: Mit jedem Fehler sinkt die Bereitschaft von Quellen, künftig Informationen preiszugeben.

Tipps zur Fehlervermeidung

Was also tun, um Fehler zu vermeiden? Viele von Maiers Methoden sind hinlänglich bekannt, fallen aber unter Zeitdruck unter den Tisch – nach etlichen Jahren im Journalismus mag auch bei der einen oder dem anderen etwas Schlampigkeit einkehren. Maier empfiehlt, jedes Interview aufzuzeichnen. Komplizierte Aussagen soll man sich nochmal einfach erklären lassen (falls das Ego leidet, mit Verweis auf »die Leserin, den Leser: Können Sie das für unsere Leser*innen noch einmal erklären«). Besonders wertvoll: Die Notizen des Interviews direkt im Anschluss mit dem/der Interviewten nochmal durchgehen.

Hilfreich ist auch ein Perspektivenwechsel: Wie wirkt die Geschichte auf die Interviewten, warum sollten die Leser*innen mir glauben? Zum Schluss: ausdrucken, alle Fakten markieren und noch einmal überprüfen.

Ja, Factchecking ist tedious

Nichts, was man nicht irgendwo schon einmal gehört hätte, nichts, was man nicht eigentlich wüsste – und dennoch nichts, was tatsächlich regelmäßig passieren würde. Spaß machen diese Schritte jedenfalls nicht – »they’re tedious«, gibt Maier zu. Fakt ist: Immer weniger Journalist*innen müssen immer mehr Daten aus immer mehr Quellen verarbeiten, oft geht sich ein gründlicher Faktencheck schlicht nicht aus. Das Lektorat, beim Kurier einst 30 Personen stark – abgeschafft. Die letzte Kontrolle hat in der Lindengasse die Schlussredaktion inne – am Wochenende ist das nur eine Person. Für eine ganze Zeitung.

Was die anwesenden Kurier-Redakteur*innen mit großem Interesse aufgenommen haben, war Maiers Vorschlag eines Korrekturbuttons bei Artikeln im Internet, über den Leser*innen Fehler melden können: »Ich glaube, in einem Jahr wird das Standard sein«, schätzt Maier.

 

Fehler passieren – man kann sie aber wieder gut machen.

Fehler passieren – man kann sie aber wieder gut machen.

Fehler schaden der Glaubwürdigkeit einer Zeitung – ein ehrlicher Umgang damit kann aber Schaden begrenzen, das zeugt von Seriosität. Ein fester Platz für Korrekturen kann Leser*innen versöhnlich stimmen, meint Maier. Die New York Times etwa arbeitet jeden Fehler akribisch auf (hat aber auch ausreichend Platz dafür). Und: Maier hält einen Fehler-Zar in der Redaktion für sinnvoll, der letztverantwortlich für Faktenkontrolle zeichnet.

Scott Maiers Vortrag schien eine merkwürdige Mischung aus Euphorie und Resignation in der Kurier-Redaktion zurückzulassen. Zum einen wirkten viele der Journalist*innen wachgerüttelt und motiviert. Auf der anderen Seite steht der enorme Druck, der oft genug auch keine zehn Minuten für einen groben Faktencheck lässt.

 

Disclaimer: Im Gegenzug für die Berichterstattung auf diesem Blog durfte ich auf Einladung des fjum Wien und des Kurier kostenfrei an diesem Vortrag teilnehmen.

Wie echt ist das Geschlecht?

Gender Studies werden als Pseudowissenschaft verspottet, gleichzeitig leiden etliche unter den Vorgaben ihres Geschlechts. Wie viel Geschlecht konstruiert die Gesellschaft, wie viel davon ist echt? Von Buben, die mit Puppen spielen, Genderstudierenden, die überall Phalli sehen und dem Penis des Hyänenweibchens.

»So: der Himbeerradler für Sie und das Weißbier für den Herren.« Artig sagten wir danke. Als die Kellnerin weg war, tauschten meine Freundin und ich aber die Gläser, damit ich meinen picksüßen, rosa Radler genießen kann, während sie an der Weißen trinkt. Wir hatten bei einem anderen Kellner bestellt – die, die servierte ging ganz automatisch davon aus, dass ich das Bier trinke.

Nicht, weil sie eine Sexistin wäre. Selbst Gralhüter*innen der Gleichbehandlung sind oft kurz irritiert, wenn sie einen Mann mit Kinderwagen sehen oder eine Mutter gleich nach dem Mutterschutz zu arbeiten beginnt, während der Vater in Karenz geht. Warum?

Die Binnen-I-Hasser*innen

Der Senat der Uni Leipzig sorgte vergangene Woche für viel Spott und empörtes Kopfschütteln. Viele, viele Medien unterschiedlicher Qualität berichteten, dass an der Hochschule von nun an grundsätzlich die weibliche Form verwendet werden müsse. Professoren wären demnach mit »Herr Professorin« anzusprechen. Dass das Blödsinn ist, hat die Uni inzwischen klargestellt und wurde auch vom BILDblog aufgearbeitet.

Wer emotionale Diskussionen beginnen will, muss nur das Thema »Gender« aufs Tapet bringen. Das Binnen-I verachten Konservative genauso wie viele Journalistinnen und Typographie-Freaks. Harald Martenstein stellte im ZEITmagazin dieses Wochenende die Frage, warum Männer anders sind als Frauen. Und welche Antwort die Gender-Studies auf diese Frage finden.

Der feministische Elfenbeinturm

Teil meines Studiums war ein Gender-Studies-Wahlfach – zusammengezählt immerhin Lehrveranstaltungen für ein ganzes Semester. Vieles von dem, was Martenstein im ZEITmagazin schreibt, stimmt: In den Gender Studies gibt es genug Wirrköpfe, die in jedem Kugelschreiber einen Phallus sehen und der Naturwissenschaft einen heimlichen, alles bestimmenden Männlichkeits-Bias zuschreiben. Die jeglichen biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau leugnen.

Aber: Die Gender Studies sind eine junge Wissenschaft und haben mit anderen jungen Wissenschaften drei Dinge gemein:

1. Sie wird belächelt. Wie etwa auch die Politikwissenschaft, als sie in Österreich etabliert wurde, nicht ernstgenommen wurde. Vor allem vonseiten der Rechtswissenschaft, die die Staatswissenschaft bis dahin beherberte, wurde sie eher spöttisch als unnötiges Hippie-Fach abgetan. Ähnliches passiert heute der Internationalen Entwicklung. Und eben der Geschlechterforschung.

2. Sie provoziert und schießt übers Ziel hinaus. Überspitzte Aussagen und gewagte Thesen gehören dazu. Dass solche Dinge in bestimmten Strömungen vieler Wissenschaften vorkommen, ist kein Geheimnis und Teil des wissenschaftlichen Fortschritts.

3. Sie wurde aus einer politischen Motivation heraus gegründet. Dieser Aspekt ist bei den Gender Studies besonders stark ausgeprägt. Die Gründung der Geschlecherforschung als wissenschaftliche Disziplin geht einher mit diversen Frauenbewegungen und feministischen Strömungen.

Für zwei, drei Semester war auch ich Teil dieses kleinen feministischen Elfenbeinturms. Vorlesungen über das männliche Seepferdchen, das die Seepferdchenjungen austrägt und weibliche Tüpfelhyänen, die ihre dominerende Position im Rudel mittels Show-Penis zeigen. Gruppendiskussionen, die darauf hinauslaufen, wie groß eine Riesenklitoris sein muss, um als Minipenis zu gelten.

Puppen und Autos

Von außen wirkt das lächerlich. Von innen auch manchmal. Nur: Diskussionen, die so abstrakt sind, dass sie abstrus wirken, finden auch in der Politikwissenschaft und in der Philosophie statt. Das Ziel, alles zu hinterfragen, wird manchmal auf die Spitze getrieben. Das ist gut.

Ja, sicher, jeden einzelnen Unterschied zwischen den Geschlechtern mit Erziehung zu erklären, ist unrealistisch. Genauso undurchdacht ist aber Martensteins Analyse, dass es diese Unterschiede halt gebe, biologisch – und es deshalb die Männer sind, die am Anfang von Martensteins Artikel Bier trinken und Automotoren aufheulen lassen. Dass das Blödsinn ist, weiß ich aus eigener, teils leidvoller Erfahrung.

Der Autor des ZEITmagazin-Artikels zitiert etliche Studien, in denen etwa männliche Kleinkinder automatisch auf Autos zukrabbelten, weibliche auf Puppen. Ich wählte die Puppen.

Jetzt darf geschätzt werden, wie viele Eltern ihren Sohn bereitwillig mit Puppen samt Zubehör ausstatten. Ich denke, dass meine da eher die Ausnahme waren, als sie das ultracoole lila Minikinderwagerl besorgten, das ich auf etlichen Homevideos vor mir herschiebe. Wie würden sich Männer und Frauen heute verhalten, hätten sie als Kinder tatsächlich die freie Wahl gehabt? Und wie vielen Burschen hören heute noch »Hau‘ halt zurück«, wenn sie von Schlägen durch Mitschüler berichten – und wie viele Mädchen?

»Der schaut aus wie ein Mädl!«

Ein Jahrzehnt später. Ich war 13 und ich wollte rebellieren. Ich ließ mir die Haare wachsen und zog rosa Socken an. Wer mir heute erklären will, dass Menschen sich heute unabhängig vom Geschlecht benehmen und kleiden können, wie sie wollen, dem kann ich eine Reihe von Geschichten erzählen, die das Gegenteil beweisen.

(Etwa die Supermarktverkäuferin, die bei der Ausweiskontrolle ungläubig meinen Vornamen wiederholte und der herbeigerufenen Kollegin zurief: »Schau, der schaut aus wie ein Mädl!«)

Dass Männer schneller Marathon laufen als Frauen, darf mit der Biologie begründet werden, ohne einen ernstzunehmenden Sexismus-Vorwurf fürchten zu müssen. Wer im Zweifelsfall annimmt, dass bestehende Ungleichheiten gesellschaftlich bedingt und damit änderbar sind, ist aber eher auf der sicheren Seite. Ganz auszuschließen ist nie, dass hinter einem biertrinkenden Motoraufheulenlasser ein sensibler Menschenversteher steckt – der nie gelernt hat, seine echten Stärken auszuspielen, weil sie als weiblich gelten.

»Wenn die Parameter stimmen«

Keine Vorurteile gegen Frauen an der Parteispitze: In Hans Rauschers Welt möchte man leben. Nicht-gewählten Frauen fehlen halt die Qualifikationen.

Foto Einserkastl Printausgabe "Der Standard"

»An sich okay« seien mehr Frauen an der Spitze. Das schreibt Hans Rauscher im Einserkastl des heutigen Standard. Die Kolumne ist eine Reaktion auf die Geschlechtsumwandlung per Photoshop der Grünen anlässlich des Weltfrauentags (Rauscher schreibt den unter Anführungszeichen – warum auch immer).

Für den Hugo, argumentiert Rauscher:

Mit dieser Kampagne wollen die Grünen „die anderen Parteien ermuntern nachzudenken, ob es nicht gut wäre, mehr Frauen an der Spitze zu haben“. So wie die Grünen halt. Die anderen Parteien werden natürlich überhaupt nichts dergleichen tun, weil gegen Frauen an der Spitze einer Partei in ganz Europa kein wirkliches Vorurteil mehr besteht und es auch dazu kommt, wenn die Parameter stimmen.

Also: Gleichbehandlungsmäßig passt alles – in ganz Europa – weil formal die Möglichkeit besteht, eine Frau als Parteivorsitzende zu wählen. Und: Es gibt keine Vorurteile gegen Frauen in Spitzenpositionen. Keine wirklichen halt.

Gewagte These. Wir wissen zB, dass fünf der sechs Fraktionen im Nationalrat männliche Klubchefs vorsitzen. Hans Rauscher wäre ein schlechter Kolumnist (und das ist er nicht), wenn er dafür keine Erklärung mitliefern würde: Die Parameter stimmen nicht.

Seit etlichen Jahrzehnten können Frauen formal Parteivorsitzende, Klubchefinnen, Spitzenkandidatinnen werden. Tun sie aber kaum. Zu den Parametern, die Rauscher meint, zählen offenbar vor allem Anzug, tiefe Stimme und ein Penis.

„Die Presse“: Fake-Falafel statt Fact-Check

(auch bei Kobuk! veröffentlicht)

Was für eine Geschichte! dailycurrant.com berichtet über eine Äußerung Michelle Bachmanns, wonach Falafel aus US-Schulen verbannt werden sollten. „Die Presse“ reagierte prompt und amüsiert sich in der Print-Ausgabe vom Montag Screenshot "diePresse.com": Falafel macht Terroristenüber die Tea-Party-Politikerin.

Doch wer sich die Mühe macht und weitere Artikel zur Sache sucht, findet keine ernstzunehmenden Nachrichtenseiten, die das Thema aufgreifen. Aus dem sehr einfachen Grund, dass die Geschichte ein Fake und dailycurrant ein Satire-Website ist. Den Fact-Check sparte sich „Die Presse“ offenbar.

Einer der anderen Aufmacher der Seite lautet übrigens „Steve Jobs Almost Done Reinventing Heaven“. Kommt das bei der „Presse“ dann unter „Technik“ oder „Religion“?

Update: Stellungnahme des Autors der Kolumne, Wolfgang Greber:

Sehr geehrter Herr Fellner,

in flagranti erwischt, in der Tat. Ist mir auch noch nie passiert und durchaus Scheiss-peinlich.

Sie müssen allerdings wissen, dass für eine ironische Kolumne nicht ganz derselbe strenge Check-Recheck-Maßstab gilt wie für einen ernsten Kommentar oder sonst eine Story, was aber auch nur irgendwie eine Ausflucht meinerseits ist, ja. Die andere Ausflucht ist, dass solche Scherzkolumnen in der Regel zwischen drei bis fünf anderen Tagesverpflichtungen entstehen und man gar nicht die Zeit für eine lege-artis-Recherche hat – zumal mich in diesem Fall ein Kollege auf die Geschichte aufmerksam gemacht hat, der sie ebenfalls für bare Münze nahm.

Also Asche auf mein Haupt. Aber wer noch nie in den Gatsch getreten ist, der werfe den ersten Schlammbatzen. Und ich tät mich freuen, wenn Sie mal über die 300 oder so anderen Pizzicatos von uns bloggten, die sonst übers Jahr fehlerlos (hoffentlich!) erscheinen 😉

Beste Grüße,

Wolfgang Greber

Wie Medien Breiviks Spiel mitspielen

Selten haben Medien so offensichtlich versagt wie bei der Berichterstattung über den rechtsextremen Attentäter von Norwegen. Breivik spielt ein perfides Spiel – das Zeitungen und Rundfunksender gerne mitspielen.

Berichterstattung ist oft genug eine Gratwanderung. Auf der einen Seite steht das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit an Information, das gestillt werden will. Demgegenüber stehen die Konsequenzen, die Medienberichte haben.

Anders Breivik geht es, wie allen Terrorist*innen, um Aufmerksamkeit. Er ist eine Attention-Whore. Bei einer so unvorstellbaren Tat wie den Anschlägen in Norwegen im vergangenen Sommer bekommt er diese Aufmerksamkeit zwangsläufig. Wenn 77 Menschen getötet werden, kann darüber nicht geschwiegen werden, egal, aus welchem Grund.

Die Frage ist: Welche Aufmerksamkeit gibt man dem Attentäter darüber hinaus? Breivik ist ein Wahnsinniger. Vor Gericht inszeniert er sich als Märtyrer, hält demonstrativ seine Handschellen in Richtung der Kameras, streckt die geballte Faust in die Höhe. Diese Fotos gingen um die Welt, auf Titelseiten, Vorspanne von Nachrichtensendungen und Startseiten von Internetzeitungen.

Traum-PR für den Terroristen

Eine bessere Publicity hätte sich Breivik nicht wünschen können. Sein Konzept geht voll auf: Begehe ein furchtbares Verbrechen und nutze die darauf folgende Aufmerksamkeit, um deine Message zu überbringen.

Dabei begehen die berichtenden Medien einen plumpen aber gewichtigen Fehler. Betrachtet man die (sicherlich nicht repräsentative, aber trendaufzeigende) Resonanz in Online-Foren oder auf Twitter, zeigt sich: Keinen interessiert’s. Im Unterschied zu den betroffenen Medien durchschauen ihre Leser*innen Breiviks PR-Spiel.

Degradierung der Opfer

Mein Wunsch, den, wie ich denke, viele teilen: Bitte verschont mich mit Breivik. Ich will keine Fotos mehr sehen von diesem selbstverliebten Wahnsinnigen, wie er zufrieden lächelt ob der Aufmerksamkeit, die er bekommt. Ich will nicht lesen, dass er »gerührt« ist, weil sein Video vor Gericht gezeigt wird.

Gebt mir Bescheid, wenn es ein Urteil gibt. Bringt meinetwegen eine Meldung, wenn ein Zeuge oder eine Zeugin etwas bisher Unbekanntes aussagt. Aber füttert Breivik nicht mit der Aufmerksamkeit, die er sich wünscht. Das ist nicht nur für viele von uns Leser*innen unerträglich. Vielmehr noch vollendet es die Degradierung der Opfer zu Mitteln zum Zweck – dem Zweck, den der Attentäter verfolgt.