Im Zweifel Rassismus

von deranderefellner

17.35: Zwei Updates. Lisi Moosmann hat mich darauf hingewiesen, dass ihr unten zitierter Tweet im Headerbild aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Helge Fahrnberger möchte, berechtigterweise, auch nicht Coverboy für den von mir kritisierten Gruppenrant herhalten: »Ist mir schon bei den Retweets und Antworten aufgefallen, dass manche Leute, die meinem Tweet zustimmten, was anderes meinten als ich.«, schreibt er in seinem Kommentar auf diesen Post unten.

Tweets zur News Geschichte

Das ganze wäre ganz anders ausgegangen, hätten die Autor*innen der NEWS-Geschichte einfach einen Menschen mit dunkler Haut für die Aufmacherseite ihrer Flüchtlingsgeschichte ausgewählt.

»Traurig, was aus dir geworden ist.«, »unfassbar, wie plump das ist!«: Daniel Steinlechner, Mitautor der Geschichte im aktuellen NEWS, musste auf Twitter ordentlich einstecken. Zu Unrecht, zum größten Teil.

Denn er und zwei Kolleginnen haben einen Beitrag gebracht, den die aktuelle Asyldiskussion in Österreich bitter nötig hat. »Österreich hat uns ein neues Leben geschenkt«, es geht um Menschen, die nach Österreich geflohen sind und Erfolgsgeschichte geschrieben haben: Jiu-Jitsu-Weltmeisterinnen, Start-Up-Gründer, Studenten, Postler, Krankenschwestern.

Warum die Empörung?

Das Aufmacherfoto, gedruckt über eine Doppelseite, zeigt die Jiu-Jitsu-Weltmeisterinnen, in Polizeiuniform, vor dem Pfarrhaus in Pressbaum. Und sie sind blond. Helge Fahrnberger, Kobuk-Gründer, höhnt: »Juchu, die Österreicher verlieren ihre Angst vor Asylwerbern! (Sie müssen nur blond sein.)« Vielleicht hat er Recht: Vielleicht war das Motiv, gerade das Foto der beiden Zwillingsschwestern als größtes abzudrucken, Rassist*innen den Einstieg zu erleichtern – hart gesprochen.

Vielleicht strebte man auch nach dem größten »Was? Aha!«-Effekt: Fluchtgeschichten sind fast immer mit Menschen dunkler Hautfarbe bebildert, weil Flucht in Mitteleuropa und Nordamerika kein großes Thema mehr ist. Die beiden Polizistinnen sind aus Bosnien geflohen. Vielleicht rechnete man auch mit besonderer Sympathie für Zwillinge, oder Polizistinnen, vielleicht war es graphisch das beste Foto. Who knows?

Guter Boulevard, schlechter Boulevard

Der Punkt ist allerdings: Selbst wenn die Autor*innen auch Menschen zum Weiterlesen animieren wollten, die bei Leuten dunklerer Hautfarbe weitergeblättert hätten, wäre das in Ordnung. NEWS ist nicht der Falter, man spürt bis heute beim Lesen, wer es gegründet hat. NEWS ist Boulevard, Boulevard wird für die breite Masse gemacht. Und guter Boulevard bringt dieser breiten Masse auch wichtige Geschichten näher – und das haben Steinlechner und seine Kolleginnen hier gemacht.

Wenn Boulevard schlecht ist – so wie Österreich, Heute und Krone es meistens sind – soll er verurteilt werden, soll sich darüber empört werden. Wenn er gut wird, darf man immer noch darüber spotten, wie es Helge gemacht hat. Doch im Zweifel mal mit der vollen Keule draufhauen, soll nur, wer sich wünscht, dass solche Geschichten in NEWS & Co. nicht mehr erscheinen.

Fast das Schlimmste daran: Wäre der Sara Hassan nicht das G’impfte aufgegangen, hätte ich wohl drübergescrollt und auch nichts gesagt. Schweigespirale heißt das. Aus der könnte man übrigens ausbrechen – indem man genau hinschaut, bevor man »Rassismus!« schreit oder nur die Nase rümpft. Und indem man guten Journalismus lobt, auch wenn man den Stil nicht teilt und auch wenn er in einem Medium Platz findet, das man nicht gerne lobt.

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