Fleischhacker und das Mediengesetz: Warum ich mich nicht bei NZZ.at bewerbe

von deranderefellner

Bekenntnis zur Qualität, alternatives Geschäftsmodell, im Median junges Team. NZZ.at vergibt Journalist*innenjobs. Klingt erstmal toll. Bewerben werde ich mich nicht – weil ich mich verbiegen müsste. Und mich auch das Mediengesetz nicht davor schützt.

Es wäre ja reizvoll. NZZ.at vergibt Journalist*innenjobs im Oprah-Meme-Modus. Gern gesehen sind dabei Junge, die frisch von der FH kommen. Das sagen zumindest Rudi Fußi und Michael Fleischhacker, die außer ihren ausgeprägten Egos wenig gemein zu haben scheinen, im Branchenblatt HORIZONT.

Und: Spezialist*innen werden ausdrücklich gesucht. Ein Medienressort stünde dem neuen Portal gut, die Konkurrenz bei der Bewerbung wäre für mich sicherlich weniger zahlreich als für Kolleg*innen aus Politik und Wirtschaft. Aber, und das wurde auf Twitter schon ausführlicher als angemessen diskutiert: Voraussetzung für die Jobs ist laut Ausschreibung »Bekenntnis zu einer liberalen Weltsicht«.

Kernliberal zu kurz gegriffen
Jetzt bin ich natürlich liberal. Aber halt anders liberal als Michael Fleischhacker, zu dem NEOS-Chef Michael Strolz im Streitgespräch im Datum sagte: »Sie sind, freundlich gesagt, ein Kernliberaler oder, weniger freundlich gesagt, ein dogmatischer Liberaler.« Ich strebe nach Freiheit. Fleischhacker nach Freiheit vom Staat. Und das ist für mich zu kurz gegriffen.

Ich glaube nicht, dass ein unregulierter Medienmarkt ohne Presseförderung einer wäre, der Meinungsvielfalt ausreichend abbildet. Und ich glaube, dass ein gemeinschaftlich zwangsfinanzierter Rundfunk für unsere Demokratie unverzichtbar ist. Das nur, um die beiden medienpolitisch wichtigsten Themen anzureißen; und zu zeigen, dass ich mit Fleischhacker wohl nicht hundertprozentig d’accord gehen würde.

Fleischhacker, Jesus und das Mediengesetz
Grundsätzlich schützt mich zwar das Mediengesetz davor, dass ich zur Veröffentlichung von Inhalten gezwungen werde, die meiner Gesinnung grob widersprechen. Allerdings nicht, wenn ich wegen der – vom Herausgeber vorgegebenen – Blattlinie des Mediums mit genau solchen Inhalten rechnen müsste. Gerne zitiert wird dabei die Kirchenzeitung, deren Redakteur*innen mit jesusfreundlicher Berichterstattung rechnen müssen. Fleischhackers Liberalismusbegriff wurde nicht erst einmal als religiös bezeichnet.

Dennoch freue ich mich über die Bewegung in der österreichischen Medienszene. Gegen neue Ideen, wie guter Journalismus finanziert wird, kann niemand etwas haben. Und man muss eine Meinung ja nicht teilen, um gut zu finden, dass sie vertreten wird (das war jetzt liberal, oder?). NZZ.at wird’s überleben, keine Bewerbung von mir im Posteingang zu haben und unter den etlichen tollen jungen Leuten ein paar gute rausfischen. Hoffentlich auch für ein Medienressort.

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