Vielleicht müssen wir netter zu Politiker*innen sein.

Marina Weisband hat einen Gedanken in meinen Kopf gepflanzt. So, wie wir unsere Politiker*innen behandeln, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass sie alle gefühlskalte Machtmenschen sind. Ein bisschen überspitzt formuliert.

Weisband, die ehemalige politische Geschäftsführerin der deutschen Piratenpartei, erklärte mir das in einem Interview, das ich mit ihr für den Bestseller führte (PDF, 200KB). Kurz gesagt: Die Öffentlichkeit drischt auf Politiker*innen ständig ein, beshitstormt jeden Lapsus. Politiker*innen geben deshalb keine Fehler zu und tragen nach außen hin eine Maske, wie es Weisband formuliert:

Wir müssen auf beiden Seiten weicher und ehrlicher zueinander werden. Das schließt ein, (…) dass Politiker auch zugeben, wenn sie mal einen Fehler machen.
Dazu gehört auch, dass die Bürger diese Fehler auch verzeihen können. Ich merke eine sehr große Diskrepanz zwischen dem, wie Politiker auftreten müssen, und dem, wie Menschen in ihrem Alltag normalerweise sind.

Seit ich mit Weisband gesprochen habe, sehe ich Medienhäme und Twitterspott mit anderen Augen: Sind wir alle schuld daran, dass das Politpersonal so ist, wie es ist – empathieunfähig, zynisch, kalt? Befördern wir diese Menschen in die höchsten politischen Positionen, unbewusst, weil wir alle anderen kaputtmachen?

Für Michael Spindelegger ist es so wohl einfacher

Diese Idee einmal im Kopf, betrachtet man viele Diskussionen mit anderen Augen – vor allem auf Twitter. Das ZiB2-Interview mit Eugen Freund etwa.

Ingrid Brodnig beschreibt in ihrem Plädoyer »Beruhigt euch!« im aktuellen Falter, wie sich Twitteranti zusammenrotten und Einzelne für Fehltritte lynchen. Dabei ist Twitter aber nur ein Kanal für das Rudelmobbing. Ähnliches beobachten wir auf Zeitungsforen, im Wirtshaus, oder bei Medienkampagnen, die sich verselbstständigen.

Manche Politiker*innen erleben das am laufenden Band. Kein Wunder, wenn sie dann weniger wie ein Mensch denn wie eine Kunstfigur wirken. Für Michael Spindelegger ist es sicher einfacher, sein Politiker-Ich wird verspottet, als er wird als Mensch beurteilt.

Eine Utopie, sicher

Wir sind also netter zu unseren Politiker*innen, verzeihen ihnen ihre Fehler und reiten nicht ewig auf missglückten Sagern herum. Das brächte uns, meint Weisband, eine ehrlichere, transparentere und durchlässigere Politik: Plötzlich traut sich auch die schüchterne Denkerin in ein politisches Amt, weil sie keine Angst haben muss, fertig gemacht zu werden.

Das ist derzeit reine Utopie, das weiß auch Weisband sehr gut – sie hat es ja ausprobiert. Von Parteikolleg*innen wurde sie zwar »zwischendurch mal geknuddelt«, musste aber auch ordentlich einstecken.

»Menschliche Natur«

Aber selbst wenn die Entwicklung, die sich Weisband wünscht, irgendwann stattfindet: Werden sich Politiker*innen tatsächlich nach außen hin als die Menschen geben die sie sind? Im Interview fragte ich Marina Weisband, ob es nicht menschliche Natur sei, auf »die da oben« hinzuhauen. Was mir damals nicht einfiel: Ist es nicht auch natürlich, sich zu verstellen, wenn man dem Urteil vieler, vieler Menschen ausgesetzt ist?

Ich bin selbst noch zu keiner endgültigen Antwort auf diese Fragen gekommen. Aber eine Debatte darüber, wie wir mit unserem politischen Personal umgehen, kann nicht schaden.


Tipp: Am kommenden Donnerstag diskutiert Robert Wiesner mit dem  Nachrichtenchef des Dänischen Rundfunks über »Constructive Journalism« (veranstaltet vom fjum). Da passt das Thema wohl gut rein, und zum Essen gibt’s auch was.

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