Korrigieren ist gut, vermeiden ist besser: Fact-Checking und Fehlermanagement, ein fjum-Vortrag

von deranderefellner

»Menschen werden Journalist*innen, weil sie gerne Geschichten erzählen – und Mathe hassen«. Scott Maier, Journalismus-Professor in Oregon, spricht in der Kurier-Redaktion über Fehler in Zeitungen, ihre Konsequenzen und wie man sie wieder gut machen kann.

Scott Maier in der Kurier-Redaktion

»Die beste Möglichkeit, einen Fehler zu korrigieren ist, ihn gar nicht erst zu machen.«

Scott Maier doziert an der University of Oregon über Journalismus. Auf Einladung des Forum Journalismus und Medien fjum kam er nach Wien um über sein Spezialgebiet Fact-Checking zu referieren. Das tat er auch in der Redaktion des Kurier in der Lindengasse, wo ich seinem Vortrag lauschen durfte. »Ich habe selbst mehr als genug Fehler gemacht«, erzählt Maier, der 20 Jahre lang als Journalist gearbeitet hat. Seine statistisch belegte Kernthese: Zeitungen machen immer mehr Fehler. Warum? Weil es immer mehr Informationen und eine kaum überschaubare Anzahl an Quellen gibt. Und weil Redaktionen zunehmend weniger Geld, weniger Personal zur Verfügung haben.

Journalist*innen hassen Mathe

Tausende Zeitungsartikel untersuchte Maier für seine Studie »Accuracy Matters«. Dafür wurde jede Person, die in einem Artikel als Quelle genannt war, angerufen. In fast der Hälfte der untersuchten Artikel fanden die Quellen faktische Fehler – also falsche Zitate, einen in die Irre leitenden Titel oder falsche Zahlen. »Menschen werden Journalist*innen, weil sie gerne Geschichten erzählen – und Mathe hassen«, sagt Maier. Zustimmendes Gemurmel im Raum.

Auch die Gründe für Fehler hat Maier untersucht. Der häufigste ist Mangel an Verständnis durch die JournalistInnen: »Wir haben alle schon komplizierte Geschichten geschrieben, die uns nicht wirklich interessiert haben, für die wir nur so viel Information wie nötig gesammelt haben.« Besonders in solche Artikeln schleichen sich Fehler ein, weil ein grundlegendes Verständnis der Materie fehlt.

Aber wie wichtig ist es tatsächlich, ob eine Prozentzahl nun stimmt oder ein Straßenname richtig geschrieben wurde? Dass Scott Mair darauf mit »Sehr!« antwortet, mag jetzt nicht wirklich überraschend sein. Aber Tatsache ist: Mit jedem Fehler sinkt die Glaubwürdigkeit des Mediums. Und: Mit jedem Fehler sinkt die Bereitschaft von Quellen, künftig Informationen preiszugeben.

Tipps zur Fehlervermeidung

Was also tun, um Fehler zu vermeiden? Viele von Maiers Methoden sind hinlänglich bekannt, fallen aber unter Zeitdruck unter den Tisch – nach etlichen Jahren im Journalismus mag auch bei der einen oder dem anderen etwas Schlampigkeit einkehren. Maier empfiehlt, jedes Interview aufzuzeichnen. Komplizierte Aussagen soll man sich nochmal einfach erklären lassen (falls das Ego leidet, mit Verweis auf »die Leserin, den Leser: Können Sie das für unsere Leser*innen noch einmal erklären«). Besonders wertvoll: Die Notizen des Interviews direkt im Anschluss mit dem/der Interviewten nochmal durchgehen.

Hilfreich ist auch ein Perspektivenwechsel: Wie wirkt die Geschichte auf die Interviewten, warum sollten die Leser*innen mir glauben? Zum Schluss: ausdrucken, alle Fakten markieren und noch einmal überprüfen.

Ja, Factchecking ist tedious

Nichts, was man nicht irgendwo schon einmal gehört hätte, nichts, was man nicht eigentlich wüsste – und dennoch nichts, was tatsächlich regelmäßig passieren würde. Spaß machen diese Schritte jedenfalls nicht – »they’re tedious«, gibt Maier zu. Fakt ist: Immer weniger Journalist*innen müssen immer mehr Daten aus immer mehr Quellen verarbeiten, oft geht sich ein gründlicher Faktencheck schlicht nicht aus. Das Lektorat, beim Kurier einst 30 Personen stark – abgeschafft. Die letzte Kontrolle hat in der Lindengasse die Schlussredaktion inne – am Wochenende ist das nur eine Person. Für eine ganze Zeitung.

Was die anwesenden Kurier-Redakteur*innen mit großem Interesse aufgenommen haben, war Maiers Vorschlag eines Korrekturbuttons bei Artikeln im Internet, über den Leser*innen Fehler melden können: »Ich glaube, in einem Jahr wird das Standard sein«, schätzt Maier.

 

Fehler passieren – man kann sie aber wieder gut machen.

Fehler passieren – man kann sie aber wieder gut machen.

Fehler schaden der Glaubwürdigkeit einer Zeitung – ein ehrlicher Umgang damit kann aber Schaden begrenzen, das zeugt von Seriosität. Ein fester Platz für Korrekturen kann Leser*innen versöhnlich stimmen, meint Maier. Die New York Times etwa arbeitet jeden Fehler akribisch auf (hat aber auch ausreichend Platz dafür). Und: Maier hält einen Fehler-Zar in der Redaktion für sinnvoll, der letztverantwortlich für Faktenkontrolle zeichnet.

Scott Maiers Vortrag schien eine merkwürdige Mischung aus Euphorie und Resignation in der Kurier-Redaktion zurückzulassen. Zum einen wirkten viele der Journalist*innen wachgerüttelt und motiviert. Auf der anderen Seite steht der enorme Druck, der oft genug auch keine zehn Minuten für einen groben Faktencheck lässt.

 

Disclaimer: Im Gegenzug für die Berichterstattung auf diesem Blog durfte ich auf Einladung des fjum Wien und des Kurier kostenfrei an diesem Vortrag teilnehmen.

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