der andere fellner

Sebastian Fellner

Monat: Juni, 2013

Korrigieren ist gut, vermeiden ist besser: Fact-Checking und Fehlermanagement, ein fjum-Vortrag

»Menschen werden Journalist*innen, weil sie gerne Geschichten erzählen – und Mathe hassen«. Scott Maier, Journalismus-Professor in Oregon, spricht in der Kurier-Redaktion über Fehler in Zeitungen, ihre Konsequenzen und wie man sie wieder gut machen kann.

Scott Maier in der Kurier-Redaktion

»Die beste Möglichkeit, einen Fehler zu korrigieren ist, ihn gar nicht erst zu machen.«

Scott Maier doziert an der University of Oregon über Journalismus. Auf Einladung des Forum Journalismus und Medien fjum kam er nach Wien um über sein Spezialgebiet Fact-Checking zu referieren. Das tat er auch in der Redaktion des Kurier in der Lindengasse, wo ich seinem Vortrag lauschen durfte. »Ich habe selbst mehr als genug Fehler gemacht«, erzählt Maier, der 20 Jahre lang als Journalist gearbeitet hat. Seine statistisch belegte Kernthese: Zeitungen machen immer mehr Fehler. Warum? Weil es immer mehr Informationen und eine kaum überschaubare Anzahl an Quellen gibt. Und weil Redaktionen zunehmend weniger Geld, weniger Personal zur Verfügung haben.

Journalist*innen hassen Mathe

Tausende Zeitungsartikel untersuchte Maier für seine Studie »Accuracy Matters«. Dafür wurde jede Person, die in einem Artikel als Quelle genannt war, angerufen. In fast der Hälfte der untersuchten Artikel fanden die Quellen faktische Fehler – also falsche Zitate, einen in die Irre leitenden Titel oder falsche Zahlen. »Menschen werden Journalist*innen, weil sie gerne Geschichten erzählen – und Mathe hassen«, sagt Maier. Zustimmendes Gemurmel im Raum.

Auch die Gründe für Fehler hat Maier untersucht. Der häufigste ist Mangel an Verständnis durch die JournalistInnen: »Wir haben alle schon komplizierte Geschichten geschrieben, die uns nicht wirklich interessiert haben, für die wir nur so viel Information wie nötig gesammelt haben.« Besonders in solche Artikeln schleichen sich Fehler ein, weil ein grundlegendes Verständnis der Materie fehlt.

Aber wie wichtig ist es tatsächlich, ob eine Prozentzahl nun stimmt oder ein Straßenname richtig geschrieben wurde? Dass Scott Mair darauf mit »Sehr!« antwortet, mag jetzt nicht wirklich überraschend sein. Aber Tatsache ist: Mit jedem Fehler sinkt die Glaubwürdigkeit des Mediums. Und: Mit jedem Fehler sinkt die Bereitschaft von Quellen, künftig Informationen preiszugeben.

Tipps zur Fehlervermeidung

Was also tun, um Fehler zu vermeiden? Viele von Maiers Methoden sind hinlänglich bekannt, fallen aber unter Zeitdruck unter den Tisch – nach etlichen Jahren im Journalismus mag auch bei der einen oder dem anderen etwas Schlampigkeit einkehren. Maier empfiehlt, jedes Interview aufzuzeichnen. Komplizierte Aussagen soll man sich nochmal einfach erklären lassen (falls das Ego leidet, mit Verweis auf »die Leserin, den Leser: Können Sie das für unsere Leser*innen noch einmal erklären«). Besonders wertvoll: Die Notizen des Interviews direkt im Anschluss mit dem/der Interviewten nochmal durchgehen.

Hilfreich ist auch ein Perspektivenwechsel: Wie wirkt die Geschichte auf die Interviewten, warum sollten die Leser*innen mir glauben? Zum Schluss: ausdrucken, alle Fakten markieren und noch einmal überprüfen.

Ja, Factchecking ist tedious

Nichts, was man nicht irgendwo schon einmal gehört hätte, nichts, was man nicht eigentlich wüsste – und dennoch nichts, was tatsächlich regelmäßig passieren würde. Spaß machen diese Schritte jedenfalls nicht – »they’re tedious«, gibt Maier zu. Fakt ist: Immer weniger Journalist*innen müssen immer mehr Daten aus immer mehr Quellen verarbeiten, oft geht sich ein gründlicher Faktencheck schlicht nicht aus. Das Lektorat, beim Kurier einst 30 Personen stark – abgeschafft. Die letzte Kontrolle hat in der Lindengasse die Schlussredaktion inne – am Wochenende ist das nur eine Person. Für eine ganze Zeitung.

Was die anwesenden Kurier-Redakteur*innen mit großem Interesse aufgenommen haben, war Maiers Vorschlag eines Korrekturbuttons bei Artikeln im Internet, über den Leser*innen Fehler melden können: »Ich glaube, in einem Jahr wird das Standard sein«, schätzt Maier.

 

Fehler passieren – man kann sie aber wieder gut machen.

Fehler passieren – man kann sie aber wieder gut machen.

Fehler schaden der Glaubwürdigkeit einer Zeitung – ein ehrlicher Umgang damit kann aber Schaden begrenzen, das zeugt von Seriosität. Ein fester Platz für Korrekturen kann Leser*innen versöhnlich stimmen, meint Maier. Die New York Times etwa arbeitet jeden Fehler akribisch auf (hat aber auch ausreichend Platz dafür). Und: Maier hält einen Fehler-Zar in der Redaktion für sinnvoll, der letztverantwortlich für Faktenkontrolle zeichnet.

Scott Maiers Vortrag schien eine merkwürdige Mischung aus Euphorie und Resignation in der Kurier-Redaktion zurückzulassen. Zum einen wirkten viele der Journalist*innen wachgerüttelt und motiviert. Auf der anderen Seite steht der enorme Druck, der oft genug auch keine zehn Minuten für einen groben Faktencheck lässt.

 

Disclaimer: Im Gegenzug für die Berichterstattung auf diesem Blog durfte ich auf Einladung des fjum Wien und des Kurier kostenfrei an diesem Vortrag teilnehmen.

Wie echt ist das Geschlecht?

Gender Studies werden als Pseudowissenschaft verspottet, gleichzeitig leiden etliche unter den Vorgaben ihres Geschlechts. Wie viel Geschlecht konstruiert die Gesellschaft, wie viel davon ist echt? Von Buben, die mit Puppen spielen, Genderstudierenden, die überall Phalli sehen und dem Penis des Hyänenweibchens.

»So: der Himbeerradler für Sie und das Weißbier für den Herren.« Artig sagten wir danke. Als die Kellnerin weg war, tauschten meine Freundin und ich aber die Gläser, damit ich meinen picksüßen, rosa Radler genießen kann, während sie an der Weißen trinkt. Wir hatten bei einem anderen Kellner bestellt – die, die servierte ging ganz automatisch davon aus, dass ich das Bier trinke.

Nicht, weil sie eine Sexistin wäre. Selbst Gralhüter*innen der Gleichbehandlung sind oft kurz irritiert, wenn sie einen Mann mit Kinderwagen sehen oder eine Mutter gleich nach dem Mutterschutz zu arbeiten beginnt, während der Vater in Karenz geht. Warum?

Die Binnen-I-Hasser*innen

Der Senat der Uni Leipzig sorgte vergangene Woche für viel Spott und empörtes Kopfschütteln. Viele, viele Medien unterschiedlicher Qualität berichteten, dass an der Hochschule von nun an grundsätzlich die weibliche Form verwendet werden müsse. Professoren wären demnach mit »Herr Professorin« anzusprechen. Dass das Blödsinn ist, hat die Uni inzwischen klargestellt und wurde auch vom BILDblog aufgearbeitet.

Wer emotionale Diskussionen beginnen will, muss nur das Thema »Gender« aufs Tapet bringen. Das Binnen-I verachten Konservative genauso wie viele Journalistinnen und Typographie-Freaks. Harald Martenstein stellte im ZEITmagazin dieses Wochenende die Frage, warum Männer anders sind als Frauen. Und welche Antwort die Gender-Studies auf diese Frage finden.

Der feministische Elfenbeinturm

Teil meines Studiums war ein Gender-Studies-Wahlfach – zusammengezählt immerhin Lehrveranstaltungen für ein ganzes Semester. Vieles von dem, was Martenstein im ZEITmagazin schreibt, stimmt: In den Gender Studies gibt es genug Wirrköpfe, die in jedem Kugelschreiber einen Phallus sehen und der Naturwissenschaft einen heimlichen, alles bestimmenden Männlichkeits-Bias zuschreiben. Die jeglichen biologischen Unterschied zwischen Mann und Frau leugnen.

Aber: Die Gender Studies sind eine junge Wissenschaft und haben mit anderen jungen Wissenschaften drei Dinge gemein:

1. Sie wird belächelt. Wie etwa auch die Politikwissenschaft, als sie in Österreich etabliert wurde, nicht ernstgenommen wurde. Vor allem vonseiten der Rechtswissenschaft, die die Staatswissenschaft bis dahin beherberte, wurde sie eher spöttisch als unnötiges Hippie-Fach abgetan. Ähnliches passiert heute der Internationalen Entwicklung. Und eben der Geschlechterforschung.

2. Sie provoziert und schießt übers Ziel hinaus. Überspitzte Aussagen und gewagte Thesen gehören dazu. Dass solche Dinge in bestimmten Strömungen vieler Wissenschaften vorkommen, ist kein Geheimnis und Teil des wissenschaftlichen Fortschritts.

3. Sie wurde aus einer politischen Motivation heraus gegründet. Dieser Aspekt ist bei den Gender Studies besonders stark ausgeprägt. Die Gründung der Geschlecherforschung als wissenschaftliche Disziplin geht einher mit diversen Frauenbewegungen und feministischen Strömungen.

Für zwei, drei Semester war auch ich Teil dieses kleinen feministischen Elfenbeinturms. Vorlesungen über das männliche Seepferdchen, das die Seepferdchenjungen austrägt und weibliche Tüpfelhyänen, die ihre dominerende Position im Rudel mittels Show-Penis zeigen. Gruppendiskussionen, die darauf hinauslaufen, wie groß eine Riesenklitoris sein muss, um als Minipenis zu gelten.

Puppen und Autos

Von außen wirkt das lächerlich. Von innen auch manchmal. Nur: Diskussionen, die so abstrakt sind, dass sie abstrus wirken, finden auch in der Politikwissenschaft und in der Philosophie statt. Das Ziel, alles zu hinterfragen, wird manchmal auf die Spitze getrieben. Das ist gut.

Ja, sicher, jeden einzelnen Unterschied zwischen den Geschlechtern mit Erziehung zu erklären, ist unrealistisch. Genauso undurchdacht ist aber Martensteins Analyse, dass es diese Unterschiede halt gebe, biologisch – und es deshalb die Männer sind, die am Anfang von Martensteins Artikel Bier trinken und Automotoren aufheulen lassen. Dass das Blödsinn ist, weiß ich aus eigener, teils leidvoller Erfahrung.

Der Autor des ZEITmagazin-Artikels zitiert etliche Studien, in denen etwa männliche Kleinkinder automatisch auf Autos zukrabbelten, weibliche auf Puppen. Ich wählte die Puppen.

Jetzt darf geschätzt werden, wie viele Eltern ihren Sohn bereitwillig mit Puppen samt Zubehör ausstatten. Ich denke, dass meine da eher die Ausnahme waren, als sie das ultracoole lila Minikinderwagerl besorgten, das ich auf etlichen Homevideos vor mir herschiebe. Wie würden sich Männer und Frauen heute verhalten, hätten sie als Kinder tatsächlich die freie Wahl gehabt? Und wie vielen Burschen hören heute noch »Hau‘ halt zurück«, wenn sie von Schlägen durch Mitschüler berichten – und wie viele Mädchen?

»Der schaut aus wie ein Mädl!«

Ein Jahrzehnt später. Ich war 13 und ich wollte rebellieren. Ich ließ mir die Haare wachsen und zog rosa Socken an. Wer mir heute erklären will, dass Menschen sich heute unabhängig vom Geschlecht benehmen und kleiden können, wie sie wollen, dem kann ich eine Reihe von Geschichten erzählen, die das Gegenteil beweisen.

(Etwa die Supermarktverkäuferin, die bei der Ausweiskontrolle ungläubig meinen Vornamen wiederholte und der herbeigerufenen Kollegin zurief: »Schau, der schaut aus wie ein Mädl!«)

Dass Männer schneller Marathon laufen als Frauen, darf mit der Biologie begründet werden, ohne einen ernstzunehmenden Sexismus-Vorwurf fürchten zu müssen. Wer im Zweifelsfall annimmt, dass bestehende Ungleichheiten gesellschaftlich bedingt und damit änderbar sind, ist aber eher auf der sicheren Seite. Ganz auszuschließen ist nie, dass hinter einem biertrinkenden Motoraufheulenlasser ein sensibler Menschenversteher steckt – der nie gelernt hat, seine echten Stärken auszuspielen, weil sie als weiblich gelten.

Der Golan-Abzug: Ein Begräbnis.

Gerald Klug wählte den Weg des geringsten Risikos. Zumindest auf kurze Sicht. Er zeigt, dass mutige Außenpolitik in Österreich keine Rolle spielt.

Eines muss man dem Verteidigungsminister lassen: Er hat sein Versprechen gehalten. Wenn’s brenzlig wird, gehen wir – es wurde brenzlig, wir gehen. Gleichzeitig bestätigte er auch das Bauchgefühl vieler Beobachter*innen österreichischer Außenpolitik, dass diese nur Innenpolitik sei, die halt im Ausland stattfindet.

Die Regierung opferte ihren Beitrag zu Sicherheit und Stabilität am Golan – und damit im gesamten Nahen Osten – dem Wahlkampf. Ja, sicher: Dieser UN-Einsatz verlor in den letzten Wochen den Charakter einer holiday mission. Ja, die Umstände haben sich geändert, ja es ist gefährlicher geworden.

Aber immerhin fahren Soldat*innen zu dieser Mission. Mit Waffen und sonstigem Kriegsgerät. Mit Gewehren beobachtet man nicht. Einen solchen Einsatz nur dann weiter zu führen, wenn auch sicher nichts passiert, zeugt nicht von einer mutigen Außen-, sondern von einer feigen Innenpolitik. Sonst hätte man die Truppen für heiklere Umstände gewappnet, um den Frieden in der Zone weiter zu sichern.

An Minister Klugs Stelle möchte man freilich nicht stehen. Hätte er die österreichischen Gruppen in der (verletzten) Pufferzone gelassen, hätte er die politische Verantwortung für Soldat*innen getragen, die dort unter Umständen zu Schaden gekommen wären.

Mit dem Abzug des Bundesheers gefährdet er aber die gesamte friedensichernde Mission – eine internationale Eskalation des Konflikts würde ihm allerdings innenpolitisch kaum auf den Kopf fallen. Dafür ist dem österreichischen Wahlvolk der Nahe Osten zu egal.

In einigen Jahren wird sich der Minister vielleicht unangenehme Fragen stellen lassen müssen. Ob ein Zähnezusammenbeißen ihn zwar den Posten gekostet, dafür viel Leid erspart hätte. Und ob es weitsichtig war, das letzte Überbleibsel Österreichs als internationaler Player in der Friedenssicherung zu begraben, weil eine Nationalratswahl anstand.