Spektakulär! Verantwortungslose Selbstmord-Berichterstattung in Österreich

von deranderefellner

Wenn sich ein Mensch das Leben nimmt, tragen Medien große Verantwortung. Zu oft zeigen sie sich dieser Verantwortung nicht gewachsen. Vergangene Woche haben einige Online-Zeitungen bewiesen, dass man lieber Klicks als Leben rettet.

Update September 2015: Die Grundaussage des Texts halte ich weiterhin aufrecht, weshalb ich ihn noch online lasse. Mittlerweile habe ich aber eine Masterarbeit zum Thema geschrieben und möchte ergänzen, dass die Rechnung „Bericht über Suizid führt zu weiteren Suiziden“ zu stark vereinfacht ist. Die meisten Berichte über Suizide haben keine messbaren Auswirkungen auf die Statistik – doch reißerische und wiederholte Berichte treiben die Zahlen in die Höhe.
Nicht zu berichten ist also insgesamt eher eine hatscherte Lösung und schon gar nicht „in den meisten Fällen“ die richtige, wie ich unten schreibe. Meine Kritik am Sensationalismus in solchen Fragen bleibt natürlich aufrecht.

Bevor man als Journalist*in einen Artikel schreibt, stellt man sich üblicherweise einige Fragen. Eine davon ist »Ist das eine G’schicht?«. Soll heißen: Interessiert das jemanden? Gibt es genug zu sagen? Ist die Sache spannend/aufregend/sensationell? Leider ist die Entscheidung, einen Artikel zu schreiben oft schon gefallen, sobald diese Frage mit Ja beantwortet ist.

Lotte an Werthers Grab

Lotte an Werthers Grabmal

Was aber folgen sollte, ist: »Welche Auswirkungen hätte diese Geschichte, würde ich sie schreiben?«. Es sind wohl nur Ausnahmefälle, in denen eine Geschichte lieber nicht geschrieben werden sollte. Einer davon heißt Werther-Effekt.

Zurückhaltung

Berichterstattung über Suizide führt zu Nachahmungstaten. Fakt. Das wurde schon vor Jahrzehnten bekannt und hat bei Medien für eine Änderung der Berichterstattung geführt. Ab 1987 berichteten österreichische Medien gar nicht oder nur mehr sehr zurückhaltend über Selbsttötungen durch U-Bahnen. Die Zahl der vollendeten und versuchten Suizide in U-Bahn-Stationen ging drastisch zurück.

Richtige (das heißt in den meisten Fällen: gar keine) Berichterstattung über Suizide kann also Leben retten. Deshalb wird über die meisten Selbstötungen nicht berichtet. Wenn am Fall öffentliches Interesse besteht (etwa weil die betroffene Person prominent war), ist für Journalist*innen äußerste Zurückhaltung geboten.

Suizid nicht romantisieren

Der Leitfaden zur Berichterstattung über Suizid des Wiener Kriseninterventionszentrums führt einige Faktoren an, die Nachahmungstaten wahrscheinlicher machen. Dazu gehören:

  • Erhöhung der Aufmerksamkeit (zB Artikel auf der Titelseite, spektakulärer Schreibstil, …)
  • Dass Nennen von Details zur Person oder zu Methode und Ort des Suizids
  • Vereinfachung der Motive
  • Heroisierung oder Romantisierung der Tat

Klicks vor Leben

Als Ludwig Hirsch im November verstarb, berichteten alle Medien darüber. Viele erwähnten kurz, dass er sich selbst getötet hatte, manche verschwiegen die Todesursache ganz. Ganz andere – namentlich krone.at und oe24.at – schlachteten den Suizid aus. (Ich habe damals auf kobuk.at darüber geschrieben)

Auch vergangene Woche schafften es etliche Medien nicht, ihre Verantwortung wahrzunehmen: Die Geschichte vom Suizid eines Menschen war zu »spektakulär« (dieses Wort wurde in einem Artikel tatsächlich verwendet, um die Art der Selbsttötung zu beschreiben).

Wie spektakulär!

Oe24.at wartete sogar mit einer Bildstrecke mit dem Titel »CSI Wien« auf, bei der (mutmaßlich) die Spurensicherung bei der Arbeit fotografiert wurde. News.at zeigte sich kaum zurückhaltender und berichtete vom »spekakulären« »Selbstmord«, inklusive vieler Details.

Auch der sonst seriöse Online-Standard berichtete im Artikel unter der Dachzeile »SELBSTMORD«. Auch hier wurden Geschlecht und ungefähres Alter angegeben. Stundenlang waren beim Artikel Werbungen geschaltet – unter anderem für Unfallversicherungen. Das Forum zum Artikel ist bis heute samt teils pietätloser Kommentare online.

Suizidprävention vs. Klickzahlen

Zugegeben: In Anbetracht der Summe von Suiziden in Österreich wird sehr wenig darüber berichtet. In über 99% der Fälle ist den meisten Medien also ein Lob auszusprechen – sie nehmen ihre Verantwortung wahr.

Dennoch gibt es Ausreißer – besonders wenn eine Geschichte besonders aufregend, spektakulär oder ungewöhnlich ist. In vielen Fällen schaffen es bestimmte Journalist*innen nicht, Suizidprävention vor Klickzahlen gehen zu lassen. Und das kostet Leben.

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Kobuk!: »Die Leiden des jungen Werthers 2.0«
Bildblog: Etliche Beiträge zum Thema
Stefan Niggemeier: »Über Enke und Werther«

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