der andere fellner

Sebastian Fellner

Monat: März, 2012

Spektakulär! Verantwortungslose Selbstmord-Berichterstattung in Österreich

Wenn sich ein Mensch das Leben nimmt, tragen Medien große Verantwortung. Zu oft zeigen sie sich dieser Verantwortung nicht gewachsen. Vergangene Woche haben einige Online-Zeitungen bewiesen, dass man lieber Klicks als Leben rettet.

Update September 2015: Die Grundaussage des Texts halte ich weiterhin aufrecht, weshalb ich ihn noch online lasse. Mittlerweile habe ich aber eine Masterarbeit zum Thema geschrieben und möchte ergänzen, dass die Rechnung „Bericht über Suizid führt zu weiteren Suiziden“ zu stark vereinfacht ist. Die meisten Berichte über Suizide haben keine messbaren Auswirkungen auf die Statistik – doch reißerische und wiederholte Berichte treiben die Zahlen in die Höhe.
Nicht zu berichten ist also insgesamt eher eine hatscherte Lösung und schon gar nicht „in den meisten Fällen“ die richtige, wie ich unten schreibe. Meine Kritik am Sensationalismus in solchen Fragen bleibt natürlich aufrecht.

Bevor man als Journalist*in einen Artikel schreibt, stellt man sich üblicherweise einige Fragen. Eine davon ist »Ist das eine G’schicht?«. Soll heißen: Interessiert das jemanden? Gibt es genug zu sagen? Ist die Sache spannend/aufregend/sensationell? Leider ist die Entscheidung, einen Artikel zu schreiben oft schon gefallen, sobald diese Frage mit Ja beantwortet ist.

Lotte an Werthers Grab

Lotte an Werthers Grabmal

Was aber folgen sollte, ist: »Welche Auswirkungen hätte diese Geschichte, würde ich sie schreiben?«. Es sind wohl nur Ausnahmefälle, in denen eine Geschichte lieber nicht geschrieben werden sollte. Einer davon heißt Werther-Effekt.

Zurückhaltung

Berichterstattung über Suizide führt zu Nachahmungstaten. Fakt. Das wurde schon vor Jahrzehnten bekannt und hat bei Medien für eine Änderung der Berichterstattung geführt. Ab 1987 berichteten österreichische Medien gar nicht oder nur mehr sehr zurückhaltend über Selbsttötungen durch U-Bahnen. Die Zahl der vollendeten und versuchten Suizide in U-Bahn-Stationen ging drastisch zurück.

Richtige (das heißt in den meisten Fällen: gar keine) Berichterstattung über Suizide kann also Leben retten. Deshalb wird über die meisten Selbstötungen nicht berichtet. Wenn am Fall öffentliches Interesse besteht (etwa weil die betroffene Person prominent war), ist für Journalist*innen äußerste Zurückhaltung geboten.

Suizid nicht romantisieren

Der Leitfaden zur Berichterstattung über Suizid des Wiener Kriseninterventionszentrums führt einige Faktoren an, die Nachahmungstaten wahrscheinlicher machen. Dazu gehören:

  • Erhöhung der Aufmerksamkeit (zB Artikel auf der Titelseite, spektakulärer Schreibstil, …)
  • Dass Nennen von Details zur Person oder zu Methode und Ort des Suizids
  • Vereinfachung der Motive
  • Heroisierung oder Romantisierung der Tat

Klicks vor Leben

Als Ludwig Hirsch im November verstarb, berichteten alle Medien darüber. Viele erwähnten kurz, dass er sich selbst getötet hatte, manche verschwiegen die Todesursache ganz. Ganz andere – namentlich krone.at und oe24.at – schlachteten den Suizid aus. (Ich habe damals auf kobuk.at darüber geschrieben)

Auch vergangene Woche schafften es etliche Medien nicht, ihre Verantwortung wahrzunehmen: Die Geschichte vom Suizid eines Menschen war zu »spektakulär« (dieses Wort wurde in einem Artikel tatsächlich verwendet, um die Art der Selbsttötung zu beschreiben).

Wie spektakulär!

Oe24.at wartete sogar mit einer Bildstrecke mit dem Titel »CSI Wien« auf, bei der (mutmaßlich) die Spurensicherung bei der Arbeit fotografiert wurde. News.at zeigte sich kaum zurückhaltender und berichtete vom »spekakulären« »Selbstmord«, inklusive vieler Details.

Auch der sonst seriöse Online-Standard berichtete im Artikel unter der Dachzeile »SELBSTMORD«. Auch hier wurden Geschlecht und ungefähres Alter angegeben. Stundenlang waren beim Artikel Werbungen geschaltet – unter anderem für Unfallversicherungen. Das Forum zum Artikel ist bis heute samt teils pietätloser Kommentare online.

Suizidprävention vs. Klickzahlen

Zugegeben: In Anbetracht der Summe von Suiziden in Österreich wird sehr wenig darüber berichtet. In über 99% der Fälle ist den meisten Medien also ein Lob auszusprechen – sie nehmen ihre Verantwortung wahr.

Dennoch gibt es Ausreißer – besonders wenn eine Geschichte besonders aufregend, spektakulär oder ungewöhnlich ist. In vielen Fällen schaffen es bestimmte Journalist*innen nicht, Suizidprävention vor Klickzahlen gehen zu lassen. Und das kostet Leben.

Weiterlesen
Kobuk!: »Die Leiden des jungen Werthers 2.0«
Bildblog: Etliche Beiträge zum Thema
Stefan Niggemeier: »Über Enke und Werther«

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Ich bin Individualist, einer von tausenden

Nein, das ist nicht so ein erster Blogeintrag:

Mein Blog schaut vielleicht aus wie alle anderen, aber das eine Alleinstellungsmerkmal ist!

Ich studiere, wie tausende andere. Ich versuche, im Journalismus Fuß zu fassen – wie tausende andere. Alles, was mich von anderen abhebt, ist meine Person. Und das ist ein Alleinstellungsmerkmal, das jede Person hat (Oxymoron-Alarm!).

Konzept: Nein.

Nein, ich habe nicht nächtelang über einem Konzept für einen Blog gebrütet, der die Welt ob seiner Einzigartigkeit zum Staunen bringen wird. Erfahrungsgemäßg verpufft jede Idee, über der ich nächtelang gebrütet habe, sobald es zur Umsetzung kommt. Ihr solltet die tollen Chronologie-Diagramme sehen, die ich mit bunten Eddings für das Buch entworfen habe, das ich dann nach fünfzig Wörtern aufgegeben habe!

Brian: You’re all different!
Crowd:Yes, we’re all different!
Guy:I’m not.
Aus: Monthy Python’s Life of Brian

Alles, was ich erfolgreich produziert habe, ist mir irgendwie passiert. Deshalb lasse ich das hier auch einfach passieren. Vielleicht wird aus dem einst grob angedachten Politik-Medien-Blog ja mal eine Sammlung von Nacktmullbildern. Oder von Zitaten christdemokratischer Kommunalpolitiker*innen in den Niederlanden. Ich schreibe meinem Blog da nichts vor, er soll sich frei entwickeln können.

Grant-Posts, Zorn-Posts, Feelgood-Posts

Vorwarnung zum Stil: Ich schreibe alle Nicht-Ordnungszahlen unter 100 aus, entgendert wird mit Sternchen. Keine Absätze länger als fünf Zeilen. Manchmal verzichte ich auf Satzglieder. Prädikate überbewertet.

Meist motiviert mich ein Grant oder ein Zorn zum Schreiben. Ich hoffe aber, dass ich auch ein paar Feelgood-Posts schaffe (»Der Frühling ist ja eigentlich total schön«, »So eine Gratisperiodischesdruckwerk lässt einen erst echte Zeitung zu schätzen lernen«). Für den Anfang stellt euch aber auf ein paar Grant-Posts ein.

Powi-Bachelor und Lokaljournalismus

Apropos Person: Das bin ich. Sebastian Fellner, nein, nicht verwandt. Ich studiere Politikwissenschaft und versuche, Journalist zu sein. Das heißt: Ich hantle mich von Praktikum zu Praktikum. 2009 im Chronik-Ressort des »Kurier«, 2010 Zivildienst. 2011 sechs Monate in der Kommunikationsabteilung der Caritas Österreich.

Das Wintersemester 2011 verbrachte ich zum Teil bei Helge Fahrenbergers großartigem »Kobuk«. Im Februar 2012 gewährte mir derStandard.at/Inland Praktikums-Asyl, im Juli darauf war ich beim »Report« am Küniglberg.

Seit Oktober 2012 widme ich mich als freier Redakteur der Wiener Bezirkszeitung dem Lokaljournalismus; seit Februar darf ich meinem Namen ganz offiziell ein »BA« hintanstellen. Nicht, dass das irgendjemanden interessieren würde.