der andere fellner

Sebastian Fellner

Werther-Effekt: Infos und Links zu den Journalismustagen 2015

Ergänzend zu meinem Vortrag bei den zweiten Österreichischen Journalismustagen habe ich hier einige Infos und Links zum Thema Werther-Effekt und Suizidberichterstattung zusammengefasst.

Leitfäden zur Berichterstattung

Berichte und Texte

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Wir brauchen Journalismusjournalismus.

Achtung, das wird meta: Reden wir über Medienjournalismus. Wer bringt die Geschichten hinter den Geschichten? Warum der Branche ein schonungsloser Blick auf den Journalismus gut täte.

Politik ohne Politikjournalismus? Unvorstellbar. Gehen wir davon aus, dass Journalismus die Folge der Notwendigkeit ist, über Dinge zu berichten und sie zu reflektieren. Wir müssen über Politik reden, weil sie uns betrifft, weil Gutes hervorgehoben und Missstände aufgezeigt werden müssen. Öffentlich, journalistisch.

Und wer redet in Österreich über Journalismus? Öffentlich, journalistisch?

Dass es da genug zu besprechen gibt, steht wohl außer Streit. Eine Print-Landschaft, beherrscht vom (Gratis-)Boulevard, der jeglichen Skrupel verloren, so er ihn je gehabt hat. Ein öffentlich-rechtliches Fernsehunternehmen, dessen Redaktionen die politischen Einflussnahmen abwehren muss, die die Fehlkonstruktion seiner Gremien mit sich bringt. Und Qualitäts-Onlinezeitungen, die sich noch nicht so recht zwischen Clickbaiting und tollen, aufwendigen Features entscheiden können.

Kurz: In diesem Land wird Journalismus gemacht, über den es sich zu berichten lohnen würde. Das passiert zum Teil in verschiedenen Medienressorts – nur welchen Stellenwert hat Journalismusjournalismus gegenüber Meldungen über Auflagenzahlen, Geschäftsmodelle und Werbeetats? Wer spricht in Österreich über die Geschichten hinter den Geschichten? Wer kontrolliert die Kontrolleure?, wie es Barbara Kaufmann in einem älteren Blogpost schreibt.

Guter Journalismusjournalismus macht sich unbeliebt.

Und ja, natürlich, Auflagenzahlen sind nicht ohne Bedeutung und neue Geschäftsmodelle für guten Journalismus eine spannende Sache. Ja, natürlich müssen wir über die Rahmenbedingungen und die ökonomische Seite des Journalismus sprechen. Aber welchen Nutzen ziehen wir daraus, wenn wir nicht berichten, was innerhalb der Rahmenbedingungen passiert?

Wo ist Platz dafür, zu zeigen, wie sich das profil in den letzten 23 Jahren journalistisch entwickelt hat? Wo können Journalist*innen die Geschichten hinter tollem Lokaljournalismus erzählen? Wer kann wo Interessenskonflikte von Journalist*innen rekonstruieren, die Kuschelstorys schreiben? Und wer schaut dem investigativen Journalismus auf die Finger, der sich stets in heiklem Terrain bewegt, wenn es um Nähe und Distanz zu Informant*innen geht?

Es gibt angenehmere Richtungen im Journalismus – wer klopft schon gern den Kolleg*innen auf die Finger oder lobt sie, nur um dann entweder als Besserwisser*in oder Schleimer*in da zu stehen? Gute Journalismusjournalist*innen machen sich unbeliebt.

Ein ehrlicher Bick kann das Vertrauen in den Journalismus zurückgewinnen.

Wer macht nun in Österreich Journalismusjournalismus? Deutschland hat Zapp, Österreich kann davon wohl leider nur träumen. Traut sich eines der etablierten Printmedien? Steigt das Falter-Medienressort zu mehr als einem Dreiseiter auf? Oder entdeckt ein ganz neues Online-Ding diese Nische, die ich für potenziell ziemlich lukrativ halte?

Denn – das ist jetzt meine eher gewagte These – Journalismusjournalismus ist nicht nur für die spannend, die selbst Journalismus machen. Sondern auch für die, die von einem ganz anderen Job nach Hause kommen und Zeitung lesen, Radio hören oder fernsehen. Und der Branche täte das gut. Denn ein ehrlicher, schonungsloser Blick auf Berichterstattung kann das Vertrauen in den Journalismus zurückgewinnen.

37 erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen BuzzFeed und „buzz.at“

Das Szenario: Eine crazy erfolgreiche Website aus den USA expandiert und bietet seit drei Monaten eine deutsche Version an. Papa hat dir das Online-Geschäft seiner Satire-Zeitung samt Wetterportal und Reisebüro überlassen.

    • Versuchst du den Grund für den Erfolg der Original-Seite in den USA zu erforschen und nutzt die Erkenntnis als Grundlage eines Konzepts für den österreichischen Markt?
    • Machst du einfach irgendwas mit Listen?
    • Oder kopierst du BuzzFeed 1:1 und lässt es die Welt auch noch offensiv wissen, indem du den unoriginellstmöglichen Namen wählst?
Header von buzz.at

Das Fellner’sche „buzz.at“ (Screenshot)

 

buzzfeed.de-Header

Die andere Listenseite mit „Buzz“ im Namen. (Screenshot)

Wolfgang Fellners haarsträubendste Frühstückssager

Der große WoFe wurde 60 und neben der von allen Fellner-Medien fotostark gecoverten Party mit prominent bestückter Inseratenerpressee-Gästeliste wurde ihm auch ein »Frühstück bei mir«-Interview auf Ö3 geschenkt (kann man hier nachhören).
Für Leute, die sich nicht durch 35 Minuten von Claudia Stöckls Reportageversuchen (»Ich schenke mir hier noch Kaffee ein«) kämpfen wollen oder Ex-Fellner-Mitarbeiter*innen, die akustisch ausgelöste Flashbacks befürchten: Hier die absurdesten Zitate zur Nachlese:
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Im Zweifel Rassismus

17.35: Zwei Updates. Lisi Moosmann hat mich darauf hingewiesen, dass ihr unten zitierter Tweet im Headerbild aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Helge Fahrnberger möchte, berechtigterweise, auch nicht Coverboy für den von mir kritisierten Gruppenrant herhalten: »Ist mir schon bei den Retweets und Antworten aufgefallen, dass manche Leute, die meinem Tweet zustimmten, was anderes meinten als ich.«, schreibt er in seinem Kommentar auf diesen Post unten.

Tweets zur News Geschichte

Das ganze wäre ganz anders ausgegangen, hätten die Autor*innen der NEWS-Geschichte einfach einen Menschen mit dunkler Haut für die Aufmacherseite ihrer Flüchtlingsgeschichte ausgewählt. Den Rest des Beitrags lesen »

Fleischhacker und das Mediengesetz: Warum ich mich nicht bei NZZ.at bewerbe

Bekenntnis zur Qualität, alternatives Geschäftsmodell, im Median junges Team. NZZ.at vergibt Journalist*innenjobs. Klingt erstmal toll. Bewerben werde ich mich nicht – weil ich mich verbiegen müsste. Und mich auch das Mediengesetz nicht davor schützt.

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Vielleicht müssen wir netter zu Politiker*innen sein.

Marina Weisband hat einen Gedanken in meinen Kopf gepflanzt. So, wie wir unsere Politiker*innen behandeln, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass sie alle gefühlskalte Machtmenschen sind. Ein bisschen überspitzt formuliert.

Weisband, die ehemalige politische Geschäftsführerin der deutschen Piratenpartei, erklärte mir das in einem Interview, das ich mit ihr für den Bestseller führte (PDF, 200KB). Kurz gesagt: Die Öffentlichkeit drischt auf Politiker*innen ständig ein, beshitstormt jeden Lapsus. Politiker*innen geben deshalb keine Fehler zu und tragen nach außen hin eine Maske, wie es Weisband formuliert:

Wir müssen auf beiden Seiten weicher und ehrlicher zueinander werden. Das schließt ein, (…) dass Politiker auch zugeben, wenn sie mal einen Fehler machen.
Dazu gehört auch, dass die Bürger diese Fehler auch verzeihen können. Ich merke eine sehr große Diskrepanz zwischen dem, wie Politiker auftreten müssen, und dem, wie Menschen in ihrem Alltag normalerweise sind.

Seit ich mit Weisband gesprochen habe, sehe ich Medienhäme und Twitterspott mit anderen Augen: Sind wir alle schuld daran, dass das Politpersonal so ist, wie es ist – empathieunfähig, zynisch, kalt? Befördern wir diese Menschen in die höchsten politischen Positionen, unbewusst, weil wir alle anderen kaputtmachen?

Für Michael Spindelegger ist es so wohl einfacher

Diese Idee einmal im Kopf, betrachtet man viele Diskussionen mit anderen Augen – vor allem auf Twitter. Das ZiB2-Interview mit Eugen Freund etwa.

Ingrid Brodnig beschreibt in ihrem Plädoyer »Beruhigt euch!« im aktuellen Falter, wie sich Twitteranti zusammenrotten und Einzelne für Fehltritte lynchen. Dabei ist Twitter aber nur ein Kanal für das Rudelmobbing. Ähnliches beobachten wir auf Zeitungsforen, im Wirtshaus, oder bei Medienkampagnen, die sich verselbstständigen.

Manche Politiker*innen erleben das am laufenden Band. Kein Wunder, wenn sie dann weniger wie ein Mensch denn wie eine Kunstfigur wirken. Für Michael Spindelegger ist es sicher einfacher, sein Politiker-Ich wird verspottet, als er wird als Mensch beurteilt.

Eine Utopie, sicher

Wir sind also netter zu unseren Politiker*innen, verzeihen ihnen ihre Fehler und reiten nicht ewig auf missglückten Sagern herum. Das brächte uns, meint Weisband, eine ehrlichere, transparentere und durchlässigere Politik: Plötzlich traut sich auch die schüchterne Denkerin in ein politisches Amt, weil sie keine Angst haben muss, fertig gemacht zu werden.

Das ist derzeit reine Utopie, das weiß auch Weisband sehr gut – sie hat es ja ausprobiert. Von Parteikolleg*innen wurde sie zwar »zwischendurch mal geknuddelt«, musste aber auch ordentlich einstecken.

»Menschliche Natur«

Aber selbst wenn die Entwicklung, die sich Weisband wünscht, irgendwann stattfindet: Werden sich Politiker*innen tatsächlich nach außen hin als die Menschen geben die sie sind? Im Interview fragte ich Marina Weisband, ob es nicht menschliche Natur sei, auf »die da oben« hinzuhauen. Was mir damals nicht einfiel: Ist es nicht auch natürlich, sich zu verstellen, wenn man dem Urteil vieler, vieler Menschen ausgesetzt ist?

Ich bin selbst noch zu keiner endgültigen Antwort auf diese Fragen gekommen. Aber eine Debatte darüber, wie wir mit unserem politischen Personal umgehen, kann nicht schaden.


Tipp: Am kommenden Donnerstag diskutiert Robert Wiesner mit dem  Nachrichtenchef des Dänischen Rundfunks über »Constructive Journalism« (veranstaltet vom fjum). Da passt das Thema wohl gut rein, und zum Essen gibt’s auch was.

Wem schaden Medien, die prekäre Praktika vergeben? Am Ende sich selbst.

Medienunternehmen lassen Praktikant*innen für ein paar Hundert Euro schuften. Für so wenig Geld zu arbeiten, das können sich nur die Kinder wohlhabender Eltern leisten. Auf Dauer schaden sich die Unternehmen selbst, wenn sie so eine Generation von Upperclass-Journalist*innen heranziehen.

Sechs Monate Praktikant*in bei PULS4, 400 Euro pro Monat – das Angebot, das vor einigen Tagen in eine Journalist*innengruppe auf Facebook gepostet wurde, zeigt einmal mehr: Wer ein Praktikum im Journalismus will, braucht wohlhabende Eltern. Medienunternehmen beuten junge Menschen aus, um Personalkosten zu drücken. Das Ergebnis ist eine Branche, die von jenen beherrscht wird, denen Mama und Papa die Miete zahlen, wenn die Praktikumsentschädigung nicht einmal für den Lebensmitteleinkauf reicht.

Screenshot Facebook: PraktikantIn bei "Guten Abend Österreich" gesucht – Sechs Monate lang, 400 Euro pro Monat,

Insgesamt 2400 Euro für sechs Monate Arbeit bei PULS4 – machbar, wenn Mama und Papa die Miete bezahlen.

Auf Dauer schadet das der ganzen Gesellschaft. Denn die Demokratie wird gestützt von Medien, die im stillen Auftrag der Bevölkerung deren Anliegen vertritt, hinterfragt und kritisiert. Immer stärker jedoch kommen jene, die Spalten und Sendeminuten füllen, nicht aus aus der breiten Bevölkerung. Akademiker*innenkinder schreiben für Blätter, die ihr Papier mit Werbungen für Großstadtgeländewagen und Luxusuhren finanzieren.

Vom Arbeiter mit Pflichtschulabschluss sind sie weit entfernt. Dass er zu fragwürdig kampagnisierenden Gratisblättern greift, haben sich die traditionsreichen Medien selbst zuzuschreiben. Der Mist, der Tag für Tag ins kostenfreie Kleinformat gedruckt wird, bringt für seine Leser*innen keinen Mehrwert, doch zumindest gibt er vor, die Welt der Bevölkerung zu kennen und ihre Anliegen zu vertreten.

Das Zeitungssterben ist hausgemacht. Denn anstatt im Bewusstsein ihres demokratiepolitischen Auftrags ihr Publikum auch personell wieder zu spiegeln, ersetzen die Verlage eine Redakteur*innenstelle mit Praktikant*innen, die in ihren Ferien keine Supermarktregale einschlichten müssen, um das Haushaltsbudget aufzufetten. Medien müssen lernen, dass die intellektuelle Selbstbefriedigung von Privatschulkindern nicht nur der Demokratie nicht nützt. Eine sozial breit aufgestellte Redaktion ist Voraussetzung für ein dauerhaft funktionierendes Medium. Und das muss Unternehmen auch etwas wert sein.

ÖVP: Tarnen und Täuschen im Wahlkampf

Die Volkspartei betreibt eine Faktencheck-Plattform, ohne sich dabei zu outen: Mit Wahlfakten.at liefert sie – scheinbar unabhängig – Infos, die ihr im Wahlkampf in die Hände spielen. Können es sich die Schwarzen nicht leisten, mit offenen Karten zu spielen?

Faktenchecks liegen im Trend, gerade in Wahlkampfzeiten. Unabhängige Beobachter*innen, meist Journalist*innen, überprüfen Aussagen der Politiker*innen auf ihren Wahrheitsgehalt.

Bis vor wenigen Stunden zeigte nur eine Whois-Abfrage, dass die ÖVP hinter Wahlfakten.at steckt.

Bis vor wenigen Stunden zeigte nur eine Whois-Abfrage, dass die ÖVP hinter Wahlfakten.at steckt.

Die Volkspartei missbraucht das positive Image des vergleichsweise jungen Genres schamlos und startet ihren eigenen Faktencheck: Wahlfakten.at. Weil er von Parteiseite kommt, ist er für die Leserin, den Leser faktisch wertlos. Das ist aber nur für jene zu erkennen, die sich auf die »Über uns« verirren – nirgends findet sich ein Parteilogo.

Parteipropaganda, getarnt als unabhängige Information
Auch das versteckte Impressum findet sich erst seit einigen Stunden auf der Seite, davor war überhaupt kein Hinweis auf die Urheberschaft zu finden. Erst ein Blick in die Registrar Info der Domain offenbarte, dass die Macherin der Seite in der Lichtenfelsgasse zuhause ist und ÖVP heißt. Die Volkspartei verbreitet Parteipropaganda, getarnt als unabhängige Information.

Zugegeben, zwischen den Zeilen lässt sich eine subtile Nähe zur ÖVP durchaus herauszulesen:

Fazit: Bei Arbeitszeitflexibilisierung kommt es zu einer Win-win-Situation für Arbeitnehmer und Arbeitgeber.
(…)
Fazit: Die Grüne Regierungsbeteiligung in Wien hat für höhere Werbeausgabe und weniger Transparenz gesorgt.
(…)
Fakt ist, dass gerade in der Vergangenheit Privatisierungen von Staatsunternehmen große Vorteile für die Bürger mit sich brachten. Dass der Staat ein schlechter Unternehmer ist zeigen die Beispiele aus der Vergangenheit.

Der tatsächlich angerichtete Schaden dürfte sich also in Grenzen halten – der VP-Spin springt der Leserin, dem Leser ja geradezu ins Gesicht, krallt sich fest und brüllt ihr/ihm konservative Positionen ins Ohr. Dass die Partei hier aber Parteipositionen als unabhängige Informationen verkauft, zeigt ihr fragwürdiges Verständnis von Transparenz. Und, dass sie im Wahlkampf auch vor schmutzigen Methoden nicht zurückschreckt.

Ich habe den Abteilungsleiter für Web und Multimedia der ÖVP, Gerhard Loub (@Svejk) gestern per E-Mail um eine Stellungnahme gebeten. Zu diesem Zeitpunkt war das versteckte Impressum noch nicht online – eine etwaige Antwort werde ich hier natürlich veröffentlichen.

Korrigieren ist gut, vermeiden ist besser: Fact-Checking und Fehlermanagement, ein fjum-Vortrag

»Menschen werden Journalist*innen, weil sie gerne Geschichten erzählen – und Mathe hassen«. Scott Maier, Journalismus-Professor in Oregon, spricht in der Kurier-Redaktion über Fehler in Zeitungen, ihre Konsequenzen und wie man sie wieder gut machen kann.

Scott Maier in der Kurier-Redaktion

»Die beste Möglichkeit, einen Fehler zu korrigieren ist, ihn gar nicht erst zu machen.«

Scott Maier doziert an der University of Oregon über Journalismus. Auf Einladung des Forum Journalismus und Medien fjum kam er nach Wien um über sein Spezialgebiet Fact-Checking zu referieren. Das tat er auch in der Redaktion des Kurier in der Lindengasse, wo ich seinem Vortrag lauschen durfte. »Ich habe selbst mehr als genug Fehler gemacht«, erzählt Maier, der 20 Jahre lang als Journalist gearbeitet hat. Seine statistisch belegte Kernthese: Zeitungen machen immer mehr Fehler. Warum? Weil es immer mehr Informationen und eine kaum überschaubare Anzahl an Quellen gibt. Und weil Redaktionen zunehmend weniger Geld, weniger Personal zur Verfügung haben.

Journalist*innen hassen Mathe

Tausende Zeitungsartikel untersuchte Maier für seine Studie »Accuracy Matters«. Dafür wurde jede Person, die in einem Artikel als Quelle genannt war, angerufen. In fast der Hälfte der untersuchten Artikel fanden die Quellen faktische Fehler – also falsche Zitate, einen in die Irre leitenden Titel oder falsche Zahlen. »Menschen werden Journalist*innen, weil sie gerne Geschichten erzählen – und Mathe hassen«, sagt Maier. Zustimmendes Gemurmel im Raum.

Auch die Gründe für Fehler hat Maier untersucht. Der häufigste ist Mangel an Verständnis durch die JournalistInnen: »Wir haben alle schon komplizierte Geschichten geschrieben, die uns nicht wirklich interessiert haben, für die wir nur so viel Information wie nötig gesammelt haben.« Besonders in solche Artikeln schleichen sich Fehler ein, weil ein grundlegendes Verständnis der Materie fehlt.

Aber wie wichtig ist es tatsächlich, ob eine Prozentzahl nun stimmt oder ein Straßenname richtig geschrieben wurde? Dass Scott Mair darauf mit »Sehr!« antwortet, mag jetzt nicht wirklich überraschend sein. Aber Tatsache ist: Mit jedem Fehler sinkt die Glaubwürdigkeit des Mediums. Und: Mit jedem Fehler sinkt die Bereitschaft von Quellen, künftig Informationen preiszugeben.

Tipps zur Fehlervermeidung

Was also tun, um Fehler zu vermeiden? Viele von Maiers Methoden sind hinlänglich bekannt, fallen aber unter Zeitdruck unter den Tisch – nach etlichen Jahren im Journalismus mag auch bei der einen oder dem anderen etwas Schlampigkeit einkehren. Maier empfiehlt, jedes Interview aufzuzeichnen. Komplizierte Aussagen soll man sich nochmal einfach erklären lassen (falls das Ego leidet, mit Verweis auf »die Leserin, den Leser: Können Sie das für unsere Leser*innen noch einmal erklären«). Besonders wertvoll: Die Notizen des Interviews direkt im Anschluss mit dem/der Interviewten nochmal durchgehen.

Hilfreich ist auch ein Perspektivenwechsel: Wie wirkt die Geschichte auf die Interviewten, warum sollten die Leser*innen mir glauben? Zum Schluss: ausdrucken, alle Fakten markieren und noch einmal überprüfen.

Ja, Factchecking ist tedious

Nichts, was man nicht irgendwo schon einmal gehört hätte, nichts, was man nicht eigentlich wüsste – und dennoch nichts, was tatsächlich regelmäßig passieren würde. Spaß machen diese Schritte jedenfalls nicht – »they’re tedious«, gibt Maier zu. Fakt ist: Immer weniger Journalist*innen müssen immer mehr Daten aus immer mehr Quellen verarbeiten, oft geht sich ein gründlicher Faktencheck schlicht nicht aus. Das Lektorat, beim Kurier einst 30 Personen stark – abgeschafft. Die letzte Kontrolle hat in der Lindengasse die Schlussredaktion inne – am Wochenende ist das nur eine Person. Für eine ganze Zeitung.

Was die anwesenden Kurier-Redakteur*innen mit großem Interesse aufgenommen haben, war Maiers Vorschlag eines Korrekturbuttons bei Artikeln im Internet, über den Leser*innen Fehler melden können: »Ich glaube, in einem Jahr wird das Standard sein«, schätzt Maier.

 

Fehler passieren – man kann sie aber wieder gut machen.

Fehler passieren – man kann sie aber wieder gut machen.

Fehler schaden der Glaubwürdigkeit einer Zeitung – ein ehrlicher Umgang damit kann aber Schaden begrenzen, das zeugt von Seriosität. Ein fester Platz für Korrekturen kann Leser*innen versöhnlich stimmen, meint Maier. Die New York Times etwa arbeitet jeden Fehler akribisch auf (hat aber auch ausreichend Platz dafür). Und: Maier hält einen Fehler-Zar in der Redaktion für sinnvoll, der letztverantwortlich für Faktenkontrolle zeichnet.

Scott Maiers Vortrag schien eine merkwürdige Mischung aus Euphorie und Resignation in der Kurier-Redaktion zurückzulassen. Zum einen wirkten viele der Journalist*innen wachgerüttelt und motiviert. Auf der anderen Seite steht der enorme Druck, der oft genug auch keine zehn Minuten für einen groben Faktencheck lässt.

 

Disclaimer: Im Gegenzug für die Berichterstattung auf diesem Blog durfte ich auf Einladung des fjum Wien und des Kurier kostenfrei an diesem Vortrag teilnehmen.